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Erschienen in Ausgabe: No 114 (08/2015) Letzte Änderung: 06.08.15

GOYA – WEGBEREITER DER MODERNE - Alle Radierzyklen in der Großen Sommerausstellung im Münchner Künstlerhaus - 17. Juli – 13. September 2015

von Anna Zanco-Prestel

„El sueño de la razón produce monstruos“ – „Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor“ nennt sich eine berühmte Grafik des Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828) aus dem Jahre 1798, die seit Mitte Juli im Rahmen einer einmaligen Werkschau in München gezeigt wird. Einmalig, weil sie die gesamten grafischen Zyklen des großen Spaniers der Öffentlichkeit zugänglich macht und somit ein umfassendes Bild seines unglaublichen Könnens als Maler bietet, der die grafische Kunst nachhaltig beeinflusste und ihn gleichzeitig als Schlüsselfigur zum Verständnis der dramatischen Epoche ansehen lässt, in der er lebte. Mit seinem überaus scharfen Blick für gesellschaftliche Zusammenhänge und Missstände gilt Goya als Vermittler der Ideen der Aufklärung in einem Spanien im freien Fall, das letztere kaum in sich verinnerlicht hatte und schon von ihnen eingeholt wurde, spätestens als der „Aufklärer“ Napoleon es in ein verheerendes Kriegsgeschehen mit ruinösen Folgen verwickelte. Goyas künstlerisches Universum ist der Spiegel dieser gewaltigen Umbruchszeit, die von sozialen Unruhen, Armut, verbreiteter Ungerechtigkeit und quälender Ungewissheit heimgesucht war. Eine Zeit, die nach Reformen, nach Revolution schrie.
In den zwischen 1797 und 1799 entstandenen 80 Grafiken aus der Reihe „Los Caprichos“ (Launige Einfälle) wird eine dekadente Gesellschaft entblößt, in der Sittenverfall, Prostitution und Missbrauch aber auch Aberglaube und Habgier tonangebend sind.
Weitere 80 Grafiken setzen sich mit dem grausamen Geschehen in dem erwähnten spanisch-französischen Konflikt (1808-1814) und mit der von ihm ausgelösten schrecklichen Hungersnot auseinander, die zu einer zunehmenden Verrohung der Menschen hinführte. „Desastres de la Guerra“(Die Schrecken des Krieges)lautet der viel sagende Titel des Zyklus, der all dessen Grausamkeiten in ihrer Furcht erregenden Realität thematisiert.
Aus 40 Blättern von außerordentlicher Präzision und Qualität setzt sich Goyas zwischen 1814 und 1816 entstandener dritter Zyklus „Tauromaquia“ zusammen, in dem der Künstler Sequenzen des Stierkampfes„sekundengenau ...wie eine Abfolge von fotografischen Serienbildern“ aufs Papier bringt.
Freien Lauf erhält schließlich seinegaloppierende Phantasie in dem letzten, kleineren zwischen 1815 und 1824 geschaffenen Zyklus „Disaparates“ (Torheiten) , der aus lediglich 22 Blättern besteht. Hier kommt die ganze Genialitätseiner visionären Kraft zum Vorschein, die aus seinem Unterbewusstsein ein Kaleidoskop fliegender, beinah puppenhafter Figuren, Monstern und Ungeheuern schöpft, das unmittelbar in die Zeit der Romantik hinüber leitet.
Zu ihnen gehört jene Skizze „El sueño de la razón...“, deren Überschriftzug geflügelten Wort der Veranstaltungsreihe wird. Denn „sueño“ hat im Spanischen einen doppelten Sinn, nämlich „Schlaf“ und „Traum“ zugleich.
Der „sueño de la razón “, der im Sinne der Aufklärung zu Recht als „Schlaf der Vernunft “ zu interpretieren ist, lässt – im Hinblick auf diese Skizze – eine zweite Deutung als „Traum der Vernunft“ zu, der – wie die Französische Revolution“ lehrt – auch Monster produziert … oder ganz einfach Alpträume.
Goyas unkonventioneller, schonungslos-provokativer Darstellungseifer, der sich mit einer zersetzenden, oft bizarren Ironie paart,lässt mehr und mehr erkennen, was dieser Maler aus bescheidenen Verhältnissen, der die Grandes porträtieren durfte, in Wirklichkeit war: nämlich ein„Wegbereiter der Moderne“, wie ihn die Präsidentin des Münchner Künstlerhauses Frau Maja Grassinger in ihrer brillanten Eröffnungsrede charakterisierte.
Nach dem großen Erfolg der Werkschauen von Salvador Dali (2013)und Hundertwasser/ Hasegawa (2014)präsentiert das traditionsreiche Künstlerhaus in seiner dritten Großen Sommerausstellung220 Goya-Exponate aus der Sammlung Richard H. Mayer, Kunstgalerien Böttingerhaus in Bamberg.
Auch in dieser Auflage wird ein hochkarätiges Rahmenprogramm vorgestellt, das die Ausstellung über die Sommerzeit bis zum 13. September begleiten wird.
Fortgesetzt wird die Reihe „Suchers Leidenschaften“ aus deren Anlass sich Bernd Sucher an zwei Abenden mit Goyas Leben und Werk beschäftigen wird: am 24.7. mitLion Feuchtwangers historischem Roman „Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis“ und am 31.07. u.a. mit Werner Hofmanns einleuchtender Monographie „Goya. Vom Himmel durch die Welt zur Hölle“. Weitere Highlights sind Georg Jenischs Figurentheater nach Berlioz' „Symphonie Fantastique“, das sich an Goyas phantastischen Figuren inspiriert und mehrere Flamenco-Abende im Festsaal des Künstlerhauses. Der Flamenco lässt sich leicht als Tanz der Unterdrückten mit Goyas Werk in Verbindung bringen, das die Zerrissenheit seiner Epoche ins Szene setzte. Am 28.8. wird die international gefeierte Flamenco-Tänzerin Montserrat Suárez das Publikum mit ihrem leidenschaftlichen „Flamenco-Puro“ im Innenhof erneut mitreißen. Eine Kostprobe Ihres Talents gab sie schon bei der Vernissage und erntete gemeinsam mit ihrem Gitarristen Alejandro Suarèz und dem Sänger El Kañejo einen begeisterten und lang anhaltenden Applaus.


Das gesamte Programm ist unter www.goya-muenchen.de einzusehen.
Öffnungszeiten der Ausstellung:
Mo, 10:30 bis 22:00 Uhr; Die bis So: 10.30 bis 19.30. Uhr.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

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