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Erschienen in Ausgabe: No 115 (09/2015) Letzte Änderung: 01.09.15

Die Skepsis als Lebensform: Einige Betrachtungen über die Funktion des Skeptizismus

von Nikolaus Egel

I. Einleitung: Ulrich und das geniale Rennpferd

Philosophen haben es heutzutage nicht ganz leicht. Man nimmt sie nicht mehr besonders ernst. Sie scheinen – bestenfalls – überflüssig geworden zu sein. Das zeigt sich nicht nur daran, dass die Etats für philosophische Lehrstühle, Seminare usw. an den Universitäten zusehends gestrichen werden, oder dass es mehr und mehr von privaten und wirtschaftsnahen Geldgebern abhängt, ob ein Projekt begonnen und (meist nicht länger als zwei bis drei Jahre) weiterverfolgt werden kann. Es zeigt sich auch nicht nur daran, dass die Philosophie immer mehr in die Richtung von Neurowissenschaften, Ökonomie, Logik und sonstigen Kalkulationswissenschaften gedrängt wird. Es zeigt sich vor allem daran, dass Philosophen im öffentlichen Diskurs kaum noch zu Wort zu kommen scheinen. Es wird hier als Konsequenz daraus wohl vielen – vor allem jungen – Menschen wie Ulrich in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften gehen, der eines Tages die Zeitung aufschlägt und „vom neuen Geist der Zeit“ übermannt, nach vielen Mühen und Hoffnungen beschließt, seine intellektuellen Ambitionen aufzugeben und damit aufzuhören, im akademischen Bereich „eine Hoffnung sein zu wollen“:

„Und eines Tages hörte Ulrich auch auf, eine Hoffnung sein zu wollen. Es hatte damals schon die Zeit begonnen, wo man von Genies des Fußballrasens oder des Boxrings zu sprechen anhub, aber auf mindestens zehn geniale Entdecker, Tenöre oder Schriftsteller entfiel in den Zeitungsberichten noch nicht mehr als höchstens ein genialer Centre-Half oder großer Taktiker des Tennissports. Der neue Geist fühlte sich noch nicht ganz sicher. Aber gerade da las Ulrich irgendwo, wie eine vorwerwehte Sommerreife, plötzlich das Wort ‚das geniale Rennpferd’. Es stand in einem Bericht über einen aufsehenerregenden Rennbahnerfolg, und der Schreiber war sich der ganzen Größe des Einfalls vielleicht gar nicht bewußt gewesen, den ihm der Geist der Gemeinschaft in die Feder geschoben hatte. Ulrich aber begriff mit einemmal, in welchem unentrinnbaren Zusammenhang seine ganze Laufbahn mit diesem Genie der Rennpferde stehe. Denn das Pferd ist seit je das heilige Tier der Kavallerie gewesen, und in seiner Kasernenjugend hatte Ulrich kaum von anderem sprechen hören als von Pferden und Weibern und war dem entflohen, um ein bedeutender Mensch zu werden, und als er sich nun nach wechselvollen Anstrengungen der Höhe seiner Bestrebungen vielleicht hätte nahefühlen können, begrüßte ihn von dort das Pferd, das ihm zuvorgekommen war.“[1]

Ulrich zieht aus diesem Erlebnis eine radikale Konsequenz, die uns im Weiteren beschäftigen wird: Er wird zum Skeptiker. Anhand einer Welt, in der Pferde öffentlich und ohne Widerspruch genial genannt werden, beschließt Ulrich nicht nur, etwas anderes als die Wissenschaft zu betreiben, er beschließt, gar nichts mehr zu machen und „sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen […]“[2]. Denn hier „feiert die Sprache“[3], aber sie feiert nicht Ulrich, sondern ein Rennpferd, das ihm von der Anhöhe einer schwarz auf weiß gedruckten Genialität zuwinkt, die er niemals wird erreichen können.
Man mag sich fragen, warum ich diese Stelle aus Robert Musils Roman hier in einem Essay über den „Skeptizismus als Lebensform“ anführe, ohne den Skeptizismus bis jetzt erwähnt zu haben. Das bisher Angeführte scheint zwar mit einer allgemein bekannten und bedauerlichen Situation, aber doch mit der Philosophie – und vor allem mit dem Skepstizismus – nicht viel zu tun zu haben. Denn der Skeptizismus ist doch eher eine (recht absurde) epistemologische und damit klar umgrenzte Position, die (rein theoretisch) behauptet, dass wir uns unserer Wissensansprüche niemals sicher sein können. Spätestens seit René Descartes wird der Skeptizismus schließlich überwiegend als zerstörerische und unhaltbare erkenntnistheoretische Position begriffen, die – bei Descartes und in dessen Folge – nur als methodologische Propädeutik ihre Berechtigung hat. Die analytische Philosophie spitzt diese Ansicht noch weiter zu, indem sie davon ausgeht, dass der Skeptiker nur philosophische Scheinprobleme aufwerfe, die sich durch eine saubere Sprachanalyse als solche aufzeigen und damit auflösen lassen.[4] Dies scheint mir jedoch eine Trivialisierung und „Akademisierung“ eines existentiellen und praktischen Problems zu sein, das ich in diesem Artikel thematisieren möchte.
Erstens wird zu zeigen sein, dass der Skeptizismus keine abstrakten Scheinprobleme aufwirft, sondern dass er seinerseits eine Reaktion auf Probleme ist, die sich bereits vor jeder philosophischen Reflexion einstellen. Zweitens gehe ich im Folgenden davon aus, dass der Skeptizismus nicht nur eine epistemologische, sondern – in der antiken Tradition der pyrrhonischen Skepsis stehend, auf die ich mich im Weiteren konzentrieren werde – vor allem eine ethische Position ist, die ihren Sitz und ihre Berechtigung nicht in erster Linie in der Theorie, sondern im Leben hat. Drittens möchte ich auf einen Einwand reagieren und dafür plädieren, den Skeptizismus nicht als absurde und destruktive Position anzusehen, sondern als eine vernünftige und nachvollziehbare geistige Haltung, die es in einer Welt der „genialen Pferde“ (und davon haben wir heute mehr denn je) ermöglicht, ein selbstbestimmtes und in kritischer Abgrenzung zum mainstream erfülltes Leben führen zu können.
Zugleich möchte ich damit – und dies ist das eigentliche Anliegen dieses Artikels – allen denjenigen Hoffnung machen, die sich mitunter fühlen wie Ulrich, der eines Tages die Zeitung aufschlägt und anhand der Absurdität der Welt beschließt, besser ein Mann ohne Eigenschaften sein zu wollen. Ich habe mir anhand einer Beschreibung des Skeptizismus das Ziel gesetzt, zu zeigen, dass die Philosophie (und hier exemplarisch gerade die Skepsis) uns jenseits von Sprachanalyse und Kalkulationswissenschaften für unser Leben in und mit der Welt noch etwas zu sagen hat.

II. Der skeptische Zweifel als Alltagsphänomen

Denn die Fragen und das Erstaunen über unseren Weltbezug beginnen nicht damit, dass wir uns wie Hilary Putnam vorstellen, ein Gehirn in einem Tank zu sein. Das ist eine Frage, die sich wirklich vorerst nur Philosophen ausdenken können. Daher treffen solche Überlegungen auch nicht das eigentliche Problem, sie treffen nicht den Ausganspunkt, an dem die Skepsis anfängt. Skeptische Fragen beginnen viel früher und einfacher, etwa – wie in Ulrichs Fall – mit einem Aufschlagen der Zeitung. Oder – wie genau jetzt (28. 06. 2015) in meinem Fall – damit, dass ich bei GMX meine E-mails abrufe und auf Meldungen stoße („Kein Urlaub am Terror-Strand“, „Paris Hilton in Todesangst“, „Was passiert bei GZSZ?“ usw.), die mir anhand der derzeitigen politischen Verwerfungen und Unsicherheiten absurd und fehlgeleitet zu sein scheinen. Die Pointe daran: Sobald man eine Zeitung aufschlägt, die Medien verfolgt oder auch nur mit jemanden ins Gespräch kommt (was alles Dinge sind, denen man sich gar nicht entziehen kann), ergibt sich anhand ständig auftretender Widersprüche das bestürzende Gefühl(und kein reflektierender Gedanke, keine philosophische Überlegung oder dergleichen), daß irgendetwas hier nicht stimmt. Wenn man nun weiterdenkt (und dies tun Philosophen ja in der Regel), ergibt sich die Skepsis, die schließlich – folgen wir ihrem Wortursprung – erst einmal nichts weiter bezeichnet, als eine „eingehende Untersuchung“, ein „genaues Hinschauen.“[5]
In ihren Grundzügen ergibt sich die Skepsis als Haltung also nicht aus einer Lektüre von Sextus Empiricus, Michel de Montaigne oder Hilary Putnam (als Versuch ihrer Überwindung), sondern einfach aus der Betrachtung widersprüchlicher, aber fest und wiederholt auftretender Behauptungen, die durch eigene Betrachtung äußerst fragwürdig werden. Die Reaktion darauf sind Zweifel und das Gefühl, dass diesen Behauptungen nicht ganz zu trauen sein kann. Und damit – und dies gilt denke ich erst einmal für jeden Bereich in der Philosophie – beginnt die Untersuchung.
Dies ist jedoch ein Prozess, der nicht theoretisch in Gang gesetzt wird, sondern praktisch und in unserem Alltag, und dem man sich nicht entziehen kann. Es regt sich der Wunsch nach Klärung und die Frage danach, ob man mit diesem Gefühl des epistemischen Unwohlseins allein ist. Dies führt nahezu zwangsläufig zu radikaleren Fragen: Wer irrt sich in den von mir als zweifelhaft erfahrenen Situationen? Irre ich mich? Irren sich die anderen? Täuscht man mich? Weiß ich, dass ich mich irre? Weiß ich, dass die anderen sich irren? Weiß ich denn, dass man mich täuscht? Wenn ja, woher? Weiß ich überhaupt irgendetwas? Was heißt es denn eigentlich, etwas zu wissen? usw.
Spätestens hier ist man jedoch bei dem Skeptsizismus nicht nur als Gefühl, sondern als philosophischer Position angelangt, bei dem Grundriß von Sextus Empiricus[6], beim genius malignus des René Descartes[7] und bei David Hume, der sich und seinen Lesern gegen Ende seines berühmten Kapitels Vom Skeptizismus in Bezug auf die Sinne die bedrängende Frage stellt: „Was anderes können wir wohl von diesem Durcheinander grundloser und sonderbarer Gedanken erwarten als Fehler und Irrtümer? Und wie können wir vor uns selbst das Vertrauen rechtfertigen, daß wir in sie setzen?“[8]
Diese Probleme sind jedoch keine rein philosophischen und abstrakten Scheinprobleme, die man – wie Putnam unter Berufung auf die Unmöglichkeit der sprachlichen Bezugnahme auf die Außenwelt eines „Gehirnes im Tank“[9] oder wie Austin unter Betrachtung eines Stieglitzes[10] – nur zu sprachlichen Uneindeutigkeiten trivialisieren kann, sondern es sind reflektierte existentielle Unsicherheiten, denen jeder Mensch – nicht nur der verstiegene Philosoph – ständig begegnet.[11] Wer Skepsis äußert, drückt damit eine Verunsicherung des Daseins aus. Um mit Stanley Cavells Worten zu sprechen:

„Meine Hauptthese zur originären Frage des Philosophen – z. B. ‚(Wie) können wir irgend etwas über die Welt wissen?’ oder ‚Was ist Wissen? Worin besteht mein Wissen über die Welt?’ – ist die, daß diese Frage (in dieser oder jener Form) eine Reaktion auf oder ein Ausruck für ein konkretes Erlebnis ist, das sich uns Menschen aufdrängt. […] Aber sie ist, so könnte ich es ausdrücken, eine Reaktion, in der ein natürliches Erlebnis eines Geschöpfes zum Ausdruck kommt, das kompliziert oder belastet genug ist, um überhaupt Sprache zu besitzen. Was für ein Erlebnis? Nun, selbstverständlich das Erlebnis oder das Gefühl, daß man auch nichts über die wirkliche Welt wissen könnte.“[12]

Mir scheint, Stanley Cavell hat hier einen wichtigen Punkt angesprochen: Die Skepsis beginnt nicht in der theoretischen Erörterung einiger Philosophieprofessoren, die für den nächsten Tag ihr Seminar vorbereiten. Sie äußert sich zuerst als ein gefühlter Zweifel, der durch Reflexion systematisiert und vertieft wird. Sie tritt jedoch ganz unmittelbar als eine Reaktion auf konkrete Erlebnisse auf. Sie lässt sich als eine geistige Haltung bestimmen, deren Ziel man mit Odo Marquard dahingehend charakterisieren kann, dass sie dort, „wo die offiziell herrschende und geltende Wirklichkeit Wirklichkeiten ausgrenzt oder auschließt und als nichtig setzt“, zeigt, „dass dieses offiziell Nichtige dennoch zu unserer Wirklichkeit gehört“[13]. Die Skepsis hat daher ihren Sitz im Leben. Dass die antike Skepsis sich in ihrem Selbstverständnis dieser Tatsache vollkommen bewußt war, und ihr Ziel und ihre Berechtigung vor allem im Bereich der Ethik als der Ermöglichung eines gelungenen Lebens bestimmt, möchte ich im folgenden Kapitel verdeutlichen.

III. Skepsis als Lebensform

In seiner einflussreichen Studie über die antike Philosophie (vor allem die Philosophie der Stoa und des Epikureismus) Philosophie als Lebensform[14] aus dem Jahr 1981 geht Pierre Hadot davon aus, dass bei der Rezeption und Interpretation der Werke der antiken Philosophen weniger auf deren theoretische Aspekte, als vielmehr auf deren Ziel geachtet werden sollte, das nach Hadot darin bestehe, „die Seelen der Schüler zu formen“[15]. Dementsprechend liest Pierre Hadot die antike Philosophie weniger als Versuche, bestimmte Systeme zu konstruieren, sondern als Wege, die Welt auf eine bestimmte Art zu betrachten und der jeweiligen Lehre entsprechend zu leben. In diesem Zusammenhang sieht er die aus der Antike überlieferten Texte in erster Linie als Anleitungen für geistige Übungen[16] [exercices spirituels], die es den Lernenden durch spezielle Techniken (Memorierung, Betrachtung, Verinnerlichung usw.) ermöglichen sollen, ein gutes und gelungenes Leben zu führen. Hierin sieht er die Gemeinsamkeit und das eigentliche Anliegen sämtlicher philosophischer Schulen in der griechischen Antike:

„All diesen scheinbaren Verschiedenheiten [der Schulen, Anm. N. E.] liegt jedoch eine innere Einheit zugrunde, sowohl in der Wahl der Mittel als auch in der Zielsetzung. Als Mittel dienen rhetorische und dialektische Techniken der Überzeugung, Versuche, die innere Ruhe zu meistern, geistige Konzentration. Das in diesen Übungen von allen Philosophenschulen angestrebte Ziel ist die Veredelung, die Verwirklichung des Ich. Alle Schulen sind sich darüber einig, daß sich der Mensch vor seiner philosophischen Bekehrung in einem Zustand unglückseliger Unruhe befindet, ein Opfer der Sorge und durch Leidenschaften innerlich zerrissen ist, daß er nicht wirklich lebt, sich selbst entfremdet ist. Sie vertreten auch übereinstimmend, daß der Mensch aus diesem Zustand befreit werden, am wahren Leben teilhaben, sich bessern, sich umformen und einen Zustand der Vollkommenheit anstreben kann. Die geistigen Übungen sollen gerade diese Formung des Ich, dieser paideia, dienen, die uns lehrt, nicht gemäß menschlichen Vorurteilen und gesellschaftlichen Konventionen zu leben (denn das Sozialleben ist selbst Produkt von Leidenschaften), sondern im Einklang mit der Natur des Menschen, die nichts anderes als Vernunft ist.“[17]

Was liegt nun näher, als auch die Skepsis als philosophische Schule in diesem Sinne zu charakterisieren? Zumindest wird Sextus Empiricus, der uns mit seinem Grundriß der pyrrhonischen Skepsis die einzige zusammenhängende Darstellung der pyrrhonischen Skepsis überliefert hat, nicht müde, den lebenspraktischen Aspekt und das menschliche Ziel der „Seelenruhe“ immer wieder zu betonen. So heißt es gleich zu Beginn des Kapitels „Was Skepsis ist“:

„Die Skepsis ist die Kunst, auf alle mögliche Weise erscheinende und gedachte Dinge einander entgegenzusetzen, von der aus wir wegen der Gleichwertigkeit der entgegengesetzten Sachen und Argumente zuerst zur Zurückhaltung, danach zur Seelenruhe gelangen. ‚Kunst’ nennen wir die Skepsis nicht in irgendeinem ausgeklügelten Sinne, sondern schlicht im Sinne von ‚können’. […] ‚Gleichwertigkeit nennen wir die Gleichheit in Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit, so daß keines der unverträglichen Argumente das andere als glaubwürdiger überragt. ‚Zurückhaltung’ ist ein Stillstehen des Verstandes, durch das wir weder etwas aufheben noch setzen. ‚Seelenruhe’ schließlich ist die Ungestörtheit und Meeresstille der Seele.“[18]

Ich halte hier eine kurze Bemerkung für angebracht, die mir im Zusammenhang dieses Artikels wichtig zu sein scheint: Sextus spricht ausdrücklich davon, dass es sich bei der „Kunst“ (im Sinne des Fachterminus der τέχνη) der skeptischen Schule nicht um etwas „ausgeklügeltes“ handelt, sondern, dass diese Kunst schlicht als „Können“ aufgefasst werden soll. Es handelt sich bei der Skepsis – wie Sextus ausdrücklich betont – demnach nicht um eine hochspezialisierte und theoretische philosophische Disziplin, sondern um eine Position, die man leicht lernen können soll. Diesem Ziel der Erlernbarkeit, der Habitualisierung der Skepsis dienen m. E. auch die verschiedenen „skeptischen Tropen“, über die in der Sekudärliteratur immer wieder ausführlich diskutiert wird.[19] Ihr Zweck besteht vor allem darin, dem Schüler der skeptischen Schule leicht erlernbare und anwendbare „Wendungen“ oder auch „Argumentationstechniken“ an die Hand zu geben, mit der er sich die Isosthenie [Gleichwertigkeit] der Dinge und Argumente immer wieder bewußt machen und sie verinnerlichen kann. Dabei geht es jedoch nicht darum, die eigene Meinung in einem möglichen Disput oder einer Diskussion gegenüber einem Kontrahenten durchzusetzen (da Recht zu behalten als Unterschied zu den Dogmatikern ausdrücklich nicht das Ziel des Skeptikers ist[20]), sondern es geht um die individuelle und ganz persönliche Selbstformung: Es geht somit darum, nicht den anderen, sondern sich selbst in einem stetigen geistigen Dialog, in einer geistigen Übung im Sinne Hadots, davon zu überzeugen, seine eigenen Meinungen nicht als feststehend anzusehen, sondern geistig offen zu bleiben, bis sich die Seelenruhe aus der Unerkennbarkeit der Wahrheit quasi „von selbst“ einstellt.[21]
Hier zeigt sich die bedrängende (aber trotzdem real für jeden Menschen gegebene) Ambivalenz der Skepsis (als Reaktion auf die Unsicherheit des Lebens), die ihr auch oft vorgeworfen worden ist: Als Skeptiker nimmt man eine Position ein, die darin besteht, keine Position einzunehmen. Der Skeptizismus ist eine philosophische Haltung, welche die Philosophie (im Sinne des Suchens nach einer festen Überzeugung, der Wahrheit usw.) und damit auch sich selbst, aufheben und überwinden will, um zur Ruhe zu kommen.
Dies ist in ein Widerspruch, der sich (wahrscheinlich) nicht auflösen läßt. Doch gerade darin liegt m. E. der Vorzug des Skeptizismus, dass er diesen – ganz fundamentalen und weltimmanenten – Widerspruch bewußt setzt und kein Patentrezept dafür anbietet, wie er zu lösen sei. Er sieht ihn mit aller Ehrlichkeit als die conditio humana, an welcher wir aufgrund der Endlichkeit und Begrenztheit des menschlichen Lebens nicht vorbeikommen können: Denn jeder einzelne ist ein „Zuspätgekommener“, der die Welt nicht macht, sondern sie vorfindet und in bereits vorgegebenen Strukturen leben muss. Und wie dieses Leben aussehen soll, dafür – das ist die Vermutung der Skepsis – gibt es keine ontologisch festgesetzten oder auch nur durch die Konvention gesicherten und allgemeingültigen Regeln. Das ist der (stets hinterfragbaren) Entscheidung jedes einzelnen überlassen. Hier sind wir – in Anlehnung an Friedrich Nietzsche – alle Seiltänzer ohne Netz oder doppelten Boden.[22]
Es mag sich anhand dieser Feststellung die Frage aufdrängen, welchen Anrieb ein Skeptiker haben kann, einen anderen überhaupt von seiner Position überzeugen zu wollen, die schließlich darin besteht, sich am Ende selbst aufzuheben. Es kann doch als ein verdächtiges Zeichen angesehen werden, dass jemand, dem wie Sextus Empiricus aus einer philosophischen Haltung heraus alles gleichwertig ist, dicke Bücher schreibt, deren Zweck es sein muss, eine potentielle Öffentlichkeit von etwas zu überzeugen.
Hier zeigt sich nochmals ganz deutlich und explizit das ethische Fundament, auf dem der Skeptizismus als epistemische Haltung beruht: Der Skeptiker tritt an die Öffentlichkeit und schreibt, um den Menschen von seiner Voreiligkeit und Verunsicherung zu heilen. Sextus Empiricus spricht das sehr offen am Ende seines Grundrisses der pyrrhonischen Skepsis aus:

„Der Skeptiker will aus Menschenfreundlichkeit nach Kräften die Einbildung und Voreiligkeit der Dogmatiker durch Argumentation heilen. Wie nun die Ärzte für die körperlichen Leiden verschieden kräftige Heilmittel besitzen und den Schwererkrankten die starken unter ihnen verabreichen, den Leichterkrankten dagegen die leichteren, so stellt auch der Skeptiker verschieden starke Argumente auf und benutzt die schwerwiegenden, die das Leiden der Dogmatiker, die Einbildung, nachhaltig beheben können, bei den stark vom Übel der Voreiligkeit Befallenen, die leichteren dagegen bei denen, deren Leiden der Einbildung nur oberflächlich und leicht heilbar ist und von leichteren Überzeugungsmitteln behoben werden kann.“[23]

Auf diese Weise läßt sich die Skepsis als Therapie und Lebensform zugleich verstehen: Es ist dem Skeptiker darum zu tun, den Menschen durch ein Heilmittel – die Skepsis – vom Willen zur Wahrheit und von den damit einhergehenden voreiligen Absolutheitsansprüchen (die häufig fatale politische und praktische Konsequenzen für die eigene Person und die Gesellschaft mit sich bringen) zu therapieren, indem sie die Unsinnigkeit und das Vernichtende eines solchen Willens aufzeigt. In der Aufhebung dieser Voreiligkeit – und damit in letzter Konsequenz auch der skeptischen Position[24] – sieht sie das Glück des Menschen.[25] Damit komme ich im abschließenden Teil dieses Essays zu einem Kritikpunkt, der häufig gegenüber dieser Konzeption des menschlichen Glücks, wie der Skeptiker es versteht, geübt wird und dem m. E. ein fundamentales Mißverständnis gegenüber dem Skeptizismus zugrunde liegt.

IV. Das Problem des Quietismus

Es ist ein ständig wiederkehrender Einwand gegen den Skeptizismus[26], dass er – wollte man ihm wirklich in der Praxis konsequent folgen – zur Handlungsunfähigkeit verdamme, „weil das ganze Leben aus Akten des Wählens und Meidens besteht und wer weder etwas wählt noch meidet eigentlich das Leben verneint und wie irgendeine Pflanze innehält […].“[27]
Diese Gegenstimme besteht demnach darin, dass man doch leben müsse. Leben bestünde jedoch im Handeln. Das Handeln seinerseits beruhe aber auf Entscheidungen, denen ihrerseits eine Art „geistiger Leitfaden“ (im philosophischen Sprachgebrauch: ein „Kriterium“) in Form von bestimmten und gerechtfertigten Überzeugungen zugrunde liegen müsse, nach denen wir uns im Leben richten könnten. Da die Skepsis einen solchen „Leitfaden“ (in Form eines Kriteriums für „richtig“ und „falsch“) nicht zur Verfügung stelle, sei sie in sich widersprüchlich, nicht lebbar und verdamme zur Untätigkeit, zu einem geistigen und praktischen „Quietismus“. Dass dieser Einwand in einer solchen Weise formuliert worden ist, kann nicht erstaunen, da er vorerst sehr naheliegend zu sein scheint.[28] Was einen jedoch erstaunen kann, ist die Tatsache, dass der Skeptizismus diesen Einwand von Anfang an ernst genommen hat. Mehr noch: Sextus Empiricus hat dieser Einwendung sogar eine so grundlegende Kritikfähigkeit zugesprochen, dass er darin eine wirkliche Bedrohung des skeptischen Standpunktes gesehen hat, gegen die er sich immer und immer wieder in seinen Schriften mit folgender Argumentation zur Wehr setzen musste, die ich hier exemplarisch anführen will:

„Daß wir uns an die Erscheinungen [im Sinne des „bloß Wahrgenommenen, ohne sich eine Meinung darüber zu bilden“, Anm. N. E.] halten, ist klar aus unseren Aussagen über das Kriterium der skeptischen Schule. […] Wir sagen nun, das Kriterium der skeptischen Schule sei das Erscheinende, wobei wir dem Sinne nach die Vorstellung so nennen; denn da sie in einem Erleiden und einem unwillkürlichen Erlebnis liegt, ist sie fraglos. Deshalb wird niemand vielleicht zweifeln, ob der zugrundeliegende Gegenstand so oder so erscheint. Ob er dagegen so ist, wie er erscheint, wird infrage gestellt. Wir halten uns also an die Erscheinungen und leben undogmatisch nach der alltäglichen Lebenserfahrung, da wir gänzlich untätig nicht sein können.“[29]

Laut Sextus lebt der Skeptiker demnach ebenso wie der Dogmatiker, er hat diesem gegenüber jedoch den Vorteil, nicht dadurch beunruhigt zu werden, seine Entscheidungen epistemisch und moralisch rechtfertigen zu müssen (was in der Tat, wie jeder wohl schon an sich selbst erlebt hat, sehr anstrengend sein kann). Lassen wir es einmal dahingestellt sein, ob dieses Gegenargument der Skeptiker wirklich gut ist. Offensichtlich ist jedoch auch hier die ethische Stoßrichtung dieser Maxime: Der Weise paßt sich sich ohne Illusionen dem Leben, d. h. den Ansichten der „Nichtphilosophen“ an, aber unter Wahrung der Indifferenz, d. h. mit einer inneren Freiheit, die ihm den Gleichmut und den Seelenfrieden bewahren soll.[30] Doch problematisch an Sextus’ Argument (das hier stellvertretend für die notwendig erscheinende Rechtfertigung einer skeptischen Einstellung ist) ist eigentlich – und dies ist die These, die ich abschließend stark machen möchte – etwas anderes:
Es ist nicht radikal genug und zieht sich argumentatorisch zurück, wo es gar nicht notwendig wäre.
Denn erstens scheint es eine Illusion seitens der Dogmatiker zu sein, dass wir Menschen so etwas wie gerechtfertigte Gründe für unsere Handlungen haben bzw. brauchen. Der Augenschein kann einen täglich vom Gegenteil überzeugen: Man zeige mir einen Menschen, der nach sorgfältiger Selbstprüfung wirklich weiß, warum er sich für bestimmte Handlungen entschieden und andere unterlassen hat. Wenn er seine Entscheidungen überdenkt und aufrichtig ist, wird er womöglich häufig finden, dass ihn nicht gewisse Vorstellungen (ein „Wissen“ wollen wir es gar nicht nennen) von „richtig“ und „falsch“, sondern meist nur kurzfristige und praktische Eigeninteressen geleitet haben.[31] Das heißt, der Dogmatiker stellt mit seiner Betonung der Handlungsnotwendigkeit und dem damit einhergehenden Entscheidungszwang auf Grundlage einer vernünftigen, moralischen usw. Überlegung ein Argument auf, nach dem sich de facto sowieso niemand richtet. Und wir sehen, dass es meist recht gut auch ohne Begründung geht. Warum also dem Skeptizismus einen Vorwurf daraus machen, dass er – im Gegensatz zum Dogmatismus – intellektuell so redlich ist, nicht vorzugeben, etwas Dahinterliegendes finden zu wollen, was wahrscheinlich gar nicht da ist? Wäre dies nicht eher ein starkes Argument für den Skeptizismus, anstatt dagegen? Auf jeden Fall zumindest doch ein Punkt, über den nachzudenken sich lohnen würde.
Und zweitens unterstellt das gegen den Skeptizismus vorgebrachte Argument des Quietismus in plakativer Weise, dass die Folge, wie „eine Pflanze“ zu leben, etwas in sich Negatives sei. Darauf kann der Skeptiker aber schlicht antworten: „Woher wollen wir denn wissen, dass dies etwas Schlechtes ist?“ Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich dort in grüner Pracht einige Bäume stehen, die Vögel zwitschern dazwischen, die Sonne scheint: Ein Bild des Friedens, der Eintracht und der Ruhe. Müsste man nun nicht mich davon überzeugen, dass dieser Anschein trügt? Wäre es denn in sich logisch widersprüchlich oder unvernünftig, lieber ein Baum als ein Mensch sein zu wollen? Ich zumindest denke das nicht.
Dies mag lächerlich klingen, aber es zeigt die Voreiligkeit des gegen den Skeptizismus vorgebrachten Argumentes, weil hier eine Konklusion gezogen wird, bevor man sich über die Prämissen einig ist. Mehr noch: Der Quietismus scheint mir eine wesentliche Motivation aller (mir bekannten) Religionen zu sein. Wir müssen hier gar nicht beim Christentum oder dem Buddhismus anfangen, sondern können auch ein etwas abseitigeres Beispiel wie den Daoismus nehmen:

„wer dem lernen ergeben, gewinnt täglich / wer dem Dau ergeben, verliert täglich / verlierend, verlernend gelangt er / mählich dahin, nicht mehr tätig zu sein / nichts bleibt ungetan / wo nichts überflüssiges getan wird / zu wahrer herrschaft im reich gelangten / immer nur tatenlose / jene, die taten vollbringen / sind nicht fähig, das reich zu erlangen“[32]

Eben das, was in dem Argument bemängelt wird, ist die Grundhoffnung des Weisen in einer der wirkungsmächtigsten und einflussreichsten Religionen Chinas. Die Sehnsucht nach Quietismus, nach dem Innehalten, scheint damit nicht nur ein Grundbedürfnis des verstiegenen Sekptikers, sondern ein zutiefst menschlicher Wunsch zu sein. Wäre dies Nicht-handeln oder („da wir ja gänzlich untätig nicht sein können“), zumindest – „dass nichts Überflüssiges getan wird“ – in einer Zeit der allgemeinen Betriebsamkeit, die durch die technischen Möglichkeiten noch in einem Maße potenziert wird, die weder die Skeptiker noch Laudse sich haben vorstellen können, zu erreichen, nicht eine äußerst positiver und menschenfreundlicher Wünsch für das Leben und die Welt? Und auch der Politik in Krisenlagen innigst anzuraten?

V. Schluß

Beim Aufschlagen der Zeitung ist Ulrich anhand der Betrachtung eines genialen Rennpferdes zum Skeptiker geworden. Ich wollte in diesem Essay das Beispiel Ulrichs als Anlaß nehmen, darauf hinzuweisen, dass es sich beim Skeptizismus nicht um eine nebensächliche erkenntnistheoretische Spielerei handelt, sondern um (eine mögliche) Reaktion auf existentielle Verunsicherungen anhand fest und wiederholt auftretender Behauptungen, an die man nicht so richtig glauben kann. Die Reaktion darauf sind Zweifel, welche durch die eigene Betrachtung vertieft und systematisiert werden. Wir haben gesehen, dass hinter dem Skeptizismus ein tiefer menschlicher und ethischer Wunsch steht: Nämlich der, sich von dem Zwang, glauben zu müssen, zu befreien und in Anbetracht einer Welt, die einem mitunter nur absurd erscheinen kann, in Abgrenzung und Vernunft ein gutes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Ob dies mit einer skeptischen Haltung gelingen wird, bleibt freilich offen. Zumindest sind die Argumente der Dogmatiker – so habe ich im Sinne der Isosthenie ganz skeptisch in diesem Artikel argumentiert – in keiner Weise besser, als die der Skeptiker. Vielleicht können wir daraus lernen, dass man nicht immer Recht behalten muss, und dass es gerade dem Skeptiker als Vorzug gegeben ist, nicht auf seiner Meinung bestehen und sie den anderen nicht aufdrängen zu müssen. „Der Weise tut nichts, und nichts bleibt ungetan“, oder auch – um in der Person Montaignes mit einem wirklichen Skeptiker zu schließen: Möge der Leser einen skeptischen Blick auf die Welt haben – in Ordnung. Hat er ihn nicht – auch in Ordnung!

VI. Literatur

Annas, Julia u. Jonathan Barnes: The Modes of Scepticism, Cambridge 1985.
Austin, J. L.: „Other Minds“, in: Philosophical Papers, hg. v. J. O. Urmson u. G. J. Warnock,
Oxford 1961, S. 44–84.
Barnes, Jonathan: The Toils of Scepticism, Cambridge 1990.
Cavell, Stanley: Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie,
Frankfurt/Main 2006.
Descartes, René: Meditationes de Prima Philosophia. Meditationen über die Erste
Philosophie, lat.-dt., übers. u. hrsg. v. Gerhart Schmidt, Stuttgart 1986.
Diogenes Laertios: Leben und Lehre der Philosophen, übers. u. hg. v. Fritz Jürß, Stuttgart
1998.
Gabriel, Markus: Antike und moderne Skepsis zur Einführung, Hamburg 2008.
Hadot, Pierre: Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike, übers. v. Ilsetraut
Hadot u. Christiane Marsch, Berlin 1991.
Hume, David: Ein Traktat über die menschliche Natur, Bd. 1: Über den Verstand, hg. v. Horst
D. Brandt, Hamburg 2013.
Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen, hg. u. aus d. Span. übers. v. Peter Knauer, Würzburg
2008.
Laudse: Daudedsching, übers. u. hg. v. Ernst Schwarz, Leipzig 1970.
Long, Anthony A.: Art. „Skepsis“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. Joachim
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Marquard, Odo: „Zukunft und Herkunft. Bemerkungen zu Joachim Ritters Philosophie der
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Montaigne, Michel de: „Apologie für Raymond Sebond“, in: Ders., Essais, übers. v. Hans
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Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften, hg. v. Adolf Frisé, Reinbek bei Hamburg
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Nietzsche, Friedrich: „Also sprach Zarathustra“, in: Ders., Werke in sechs Bänden, hg. v. Karl
Schlechta, Bd. 3, München/Wien 1980, S. 275–561.
Putnam, Hilary: „Brains in a vat“, in: Reason, truth and history, Cambridge 1981, S. 1–21.
Seneca, Lucius Annaeus: „Über die Seelenruhe. De tranquilitate animi“, in: Ders.,
Philosophische Schriften, lat.-dt., 5 Bde., hg. u. übers. v. Manfred Rosenbach, Bd. 2, S. 101–173, Darmstadt 22011.
–: „Briefe an Lucilius“, in: Ebd., Bd. 3–4.
Sextus Empiricus: Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, eingel. u. übers. v. Malte
Hossenfelder, Frankfurt/Main 1985.
–: Gegen die Dogmatiker. Adversus mathematicos libri 7–11, übers. u. hg. v. Hansueli
Flückiger, Sankt Augustin 1998.
Shakespeare, William: Hamlet, in: Ders., Sämtliche Werke, übers. v. Friedrich Schlegel u.
Ludwig Tieck, 4 Bde., Bd. 2, Augsburg 1998.
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, Frankfurt/Main 31982.


[1] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, hg. v. Adolf Frisé, Reinbek bei Hamburg 182004, S. 44.
[2] Vgl. ebd., S. 44.
[3] Vgl. Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Frankfurt/Main 31982, §38, S. 39.
[4] Man denke hier etwa an Hilary Putnam oder J. L. Austin. – Vgl. Hilary Putnam, „Brains in a vat“, in: Reason, truth and history, Cambridge 1981, S. 1–21; J. L. Austin, „Other Minds“, in: Philosophical Papers, hg. v. J. O. Urmson u. G. J. Warnock, Oxford 1961, S. 44–84.
[5] Vgl. Anthony A. Long, Art. „Skepsis“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. Joachim Ritter u. Karlfried Gründer, Bd. 9, Basel 1995, Sp. 938–950, Sp. 938. – So bestimmt auch Sextus Empiricus die Skepsis: „Die skeptische Schule wird auch die ‚suchende’ genannt nach ihrer Tätigkeit im Suchen und Spähen. Sie heißt auch die ‚zurückhaltende’ nach dem Erlebnis, das der Spähende nach der Suche an sich erfährt. Ferner wird sie die ‚aporetische’ genannt, und zwar entweder, weil sie in allem Aporien und Fragwürdigkeiten findet, wie einige sagen, oder, weil sie kein Mittel sieht zur Zustimmung oder Verneinung. Schließlich heißt sie die ‚pyrrhonische’, weil uns scheint, daß Pyrrhon die Skepsis greifbarer angegangen ist als seine Vorläufer.“ (In: Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, eingel. u. übers. v. Malte Hossenfelder, Frankfurt/Main 1985, S. 94).
[6] Vgl. Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, a. a. O.
[7] Vgl. René Descartes, Meditationes de Prima Philosophia. Meditationen über die Erste Philosophie, lat.-dt., übers. u. hrsg. v. Gerhart Schmidt, Stuttgart 1986, S. 73 ff.
[8] David Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur, Bd. 1: Über den Verstand, hg. v. Horst D. Brandt, Hamburg 2013, S. 270.
[9] Vgl. Hilary Putnam, „Brains in a vat“, in: Reason, truth and history, a. a. O.
[10] Vgl. J. L. Austin, „Other Minds“, in: Philosophical Papers, a. a. O.
[11] Insofern kann man William Shakespeares Hamlet als den Skeptiker par excellence verstehen, der – im Gegensatz etwa zu David Hume, der sich, wenn er den Schreibtisch verließ, aufgrund der wundervollen Einrichtung der Natur frei von allen Zweifeln zu fühlen glaubte – eben (und dies macht einen großen Teil der Tragik aus) nicht aufhören kann, zu räsonieren. Nehmen wir nur die bekannte Passage aus dem fünften Aufzug, erste Szene (auf dem Friedhof): „Hamlet: Sei so gut Horatio, sage mir dies Eine. / Horatio: Und was, mein Prinz? / Hamlet: Glaubst du, daß Alexander in der Erde solchergestalt aussah? / Horatio: Gerade so. / Hamlet: Und so roch? Pah! (Wirft den Schädel hin) / Horatio: Gerade so, mein Prinz. / Hamlet: Zu was für schnöden Bestimmungen wir kommen, Horatio! Warum sollte die Einbildungskraft nicht den edlen Staub Alexanders verfolgen können, bis sie ihn findet, wo er ein Spundloch verstopft? / Horatio: Die Dinge so betrachten, hieße sie allzugenau betrachten. / Hamlet: Nein, wahrhaftig, im geringsten nicht. Man könnte ihm bescheiden genug folgen, und sich immer von der Wahrscheinlichkeit führen lassen. Zum Beispiel so: Alexander starb, Alexander war begraben, Alexander verwandelte sich in Staub; der Staub ist Erde; aus Erde machen wir Lehm: Und warum sollte man nicht mit dem Lehm, worein er verwandelt ward, ein Bierfaß stopfen können? / Der große Cäsar, tot und Lehm geworden / Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden. / O daß die Erde, der die Welt gebebt, / Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt!“ (In: William Shakespeare, Hamlet, in: Ders., Sämtliche Werke, übers. v. Friedrich Schlegel u. Ludwig Tieck, 4 Bde., Augsburg 1998, Bd. 2, S. 496.)
[12] Stanley Cavell, Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie, Frankfurt/Main 2006, S. 246. – Allerdings ist diese Betrachtung nicht so neu, wie man denken mag. Schon Sextus Empiricus beschreibt die Skepsis ursprünglich nicht als bewußt reflektierte theoretische philosophische Position, sondern als eine konkrete Erfahrung, die man macht. In diesem Sinne ist sein berühmtes Beispiel des Malers Apelles zu deuten: „Dem Skeptiker geschah dasselbe, was von dem Maler Apelles erzählt wird. Dieser wollte, so heißt es, beim Malen eines Pferdes dessen Schaum auf dem Gemälde nachahmen. Das sei ihm so mißlungen, daß er aufgab und den Schwamm, in dem er die Farben vom Pinsel abzuwischen pflegte, gegen das Bild schleuderte. Als dieser auftraf, habe er eine Nachahmung des Pferdeschaumes hervorgebracht. Auch die Skeptiker hofften, die Seelenruhe dadurch zu erlangen, daß sie über die Ungleichförmigkeit der erscheinenden und gedachten Dinge entschieden. Da sie das nicht zu tun vermochten, hielten sie inne. Als sie aber innehielten, folgte ihnen wie zufällig die Seelenruhe wie der Schatten dem Körper.“ (In: Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, a. a. O., S. 100). – In etwa wie bei Ulrich, der eine Zeitung aufschlägt. Schon hieraus wird ersichtlich, dass der eigentliche Schwerpunkt der Skepsis nicht auf der Erkenntnistheorie, sondern auf der Ethik liegt: Am Anfang der Skepsis steht die Hoffnung, zur Seelenruhe zu gelangen. Alles weitere folgt daraus.
[13] Odo Marquard, „Zukunft und Herkunft. Bemerkungen zu Joachim Ritters Philosophie der Entzweiung“, in: Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Stuttgart 1994, S. 15–29, S. 19.
[14] Vgl. Pierre Hadot, Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike, übers. v. Ilsetraut Hadot u. Christiane Marsch, Berlin 1991 [Originalausgabe Paris 1981].
[15] Ebd., S. 9.
[16] Dass die Idee einer „Selbstformung“ und Umwandlung auch ein essentielles Merkmal der monastischen Kultur und des Christentums überhaupt ist, liegt auf der Hand. Man denke hier nur exemplarisch an die Exerzitien des Ignatius von Loyola. – Vgl. Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, hg. u. aus d. Span. übers. v. Peter Knauer, Würzburg 2008.
[17] Ebd., S. 38.
[18] Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, a. a. O., S. 94 f.
[19] Sextus führte mehrere Formen der Tropen an, welche jeweils eine Verallgemeinerung und Vereinfachung der vorigen Tropen bilden (in Gruppen von 10, 5 und 2 Tropen); vgl. ebd., S. 102–135. – Siehe ausführlich zu den Tropen im Skeptizismus: Julia Annas u. Jonathan Barnes, The Modes of Scepticism, Cambridge 1985; Jonathan Barnes, The Toils of Scepticism, Cambridge 1990.
[20] Über die Gefahren, die einem begegnen können, wenn man sich mit einem wirklichen Skeptiker in eine Diskussion einläßt, klärt uns Michel de Montaigne – selber einer der größten Skeptiker – sehr witzig in seinen Essais auf (was zugleich zeigt, dass die Skepsis auch witzig sein kann): „In Streitgesprächen verschaffen sich die Pyrrhonisten dadurch einen ungeheuren Vorteil, daß sie die Mühe der Verteidigung gar nicht erst auf sich nehmen. Für sie ist es belanglos, geschlagen zu werden, solange sie schlagen. Sie verstehn es, aus allem das Beste zu machen. Gewinnen sie, so hinkt offensichtlich euer Argument, gewinnt ihr, halt das ihre. Irren sie sich, bestätigen sie damit die menschliche Unwissenheit, irrt ihr euch, bestätigt ihr sie. Gelingt es ihnen zu beweisen, daß nichts wißbar ist – in Ordnung; gelingt es ihnen nicht – auch in Ordnung!“ (In: Michel de Montaigne, „Apologie für Raymond Sebond“, in: Ders., Essais, übers. v. Hans Stilett, 3 Bde., Frankfurt/Main 1998, Bd. 2, S. 165–416 S. 265). – Hier macht Montaigne uns ganz nebenbei auf einen wesentlichen Aspekt der Skepsis aufmerksam, welcher in der Kritik an dieser Haltung oft übersehen wird: Dem Skeptizismus wird häufig vorgeworfen, er sei gar keine ernsthafte philosophische Position, da er eine philosophische Diskussion unmöglich mache. Hierbei wird jedoch übersehen, dass es dem Skeptizismus ja gerade darum zu tun ist (und zwar auf Grundlage einer philosophischen Reflexion), keine Diskussion führen zu müssen, sondern die Diskussion durch die Isosthenie (und dies beinhaltet zugleich auch immer die eigene Position) aufzuheben. Wenn man dies kritisiert, hat man den Skeptizismus nicht verstanden; ein Skeptiker könnte auf solch einen Einwand daher nur mit einem Schulterzucken reagieren und sich wie Montaigne sagen: Auch in Ordnung! – Im übrigen versuche man einmal, mit einem wirklich eingefleischten Dogmatiker zu diskutieren, wenn man selber anderer Meinung ist als er. Auch das könnte schwierig werden.
[21] Dieses Bedürfnis geht bis in die Alltagssprache hinein, wie Sextus Empiricus ausführlich anhand der „skeptischen Schlagworte“ darlegt. Dazu zählen bestimmte Wortfolgen und Phrasen, welche die Zurückhaltung und das Unbestimmtsein des Skeptikers in der Rede verdeutlichen sollen, so etwa: „Nicht eher“, „Vielleicht“, „Es kann sein“, „Alles ist unbestimmt“ und natürlich das berühmte „Ich halte mich zurück“ usw. – Vgl. Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, a. a. O., S. 135–142.
[22] „Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie einer aus dem Volke: ‚Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun laßt uns ihn auch sehen!’ Und alles Volk lachte über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher glaubte, daß das Wort ihm gälte, machte sich an sein Werk.“ (In: Friedrich Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“, in: Ders., Werke in sechs Bänden, hg. v. Karl Schlechta, Bd. 3, München/Wien 1980, S. 275–561, S. 281).
[23] Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, a. a. O., S. 299.
[24] Sextus verdeutlicht dies anhand eines medizinischen Beispieles, das diese Haltung prägnant zusammenfasst, indem er die Skepsis mit einem Abführmittel vergleicht, das sich selbst mit seiner heilenden Wirkung aufhebt: „Bei allen skeptischen Schlagworten muß man sich vorher darüber im klaren sein, daß wir nichts über ihre unbedingte Wahrheit versichern, wo wir doch zugeben, daß sie auch sich selbst aufheben können, indem sie zusammen mit den Dingen, über die sie geäußert werden, sich selbst ausschalten, so wie die Abführmittel nicht nur die Säfte aus dem Körper treiben, sondern auch sich selbst zusammen mit den Säften abführen.“ (In: Ebd., S. 141 f.).
[25] Vgl. zu diesem Ziel auch die Ausführungen in: Markus Gabriel, Antike und moderne Skepsis zur Einführung, Hamburg 2008, S. 77–85.
[26] Dieser Einwand ist von so allgemeiner und verbreiteter Art, dass es sich erübrigt, hierfür einen Nachweis anzuführen. Man nehme nur irgendeine Einführung in die Philosophie zur Hand, und wird ihn unter dem Stichwort „Skeptizismus“ dort finden.
[27] Vgl. Sextus Empiricus, Gegen die Dogmatiker. Adversus mathematicos libri 7–11, übers. u. hg. v. Hansueli Flückiger, Sankt Augustin 1998, §162 ff., S. 300. – Ich kann den Einwand, den Sextus Empiricus an dieser Stelle im Folgenden skizziert, hier leider nicht näher darstellen und muß den Leser daher bitten, selber die betreffende Stelle nachzuschlagen. Wenn er dies tut, wird er auf einen herrlich-sophistischen Einwand der Dogmatiker stoßen, der ihn – sofern er kritisch eingestellt ist – nicht nur frappierend auch an heutige Argumentationsmuster „derer, die da wissen“ erinnern wird, sondern der ihm auch anhand der Absurdität des dort angeführten Beispiels entweder (folgt er Demokrit) zum Lachen oder (folgt er Heraklit der bekannten Anekdote gemäß) zum Weinen bringen wird. Ersteres wäre freilich heiterer, und damit vielleicht auch philosophischer. – Lassen wir an dieser Stelle hier Seneca zu Wort kommen, der die Philosophie auch nicht in dem Folgen einer bestimmten Schule, sondern als Hilfe für ein gutes Leben gesehen hat (und der sich daher – obwohl der Stoa verpflichtet – sich auch als „Kundschafter“ in anderen Schulen verstanden hat): „In dieser Situation müssen wir uns so verhalten, daß wir alle Fehler der Masse nicht als uns verhaßt, sondern als lächerlich ansehen, und wir Demokrit eher nachahmen als Heraklit: dieser nämlich, sooft er sich in die Öffentlichkeit begab, weinte, jener lachte: diesem schien alles, was wir tun, als Unglück, jenem als Dummheit. Leichtzunehmen also ist alles und mit fügsamer Einstellung zu ertragen: dem Menschen entspricht es eher, zu belachen das Leben als es zu beweinen.“ (In: Lucius Annaeus Seneca, „Über die Seelenruhe. De tranquilitate animi“, in: Ders., Philosophische Schriften, lat.-dt., 5 Bde., hg. u. übers. v. Manfred Rosenbach, Darmstadt 22011, Bd. 2, S. 101–173, XV, 2, S. 163). – Zu Senecas Selbstcharaktisierung als „Kundschafter“ der anderen Schulen, siehe: Ders., Briefe an Lucilius, I, 2, 5, in: Ebd., Bd. 3, S. 9.
[28] Als ich einem Freund einmal vom Skeptizismus erzählt habe, war dies in der Tat sein erstes Gegenargument. Man probiere dies einmal selbst aus: Ich bin mir (nahezu) sicher, dass sich diese Erfahrung wiederholen wird.
[29] Sextus Empiricus, Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, a. a. O., S. 99.
[30] Dies scheint Pyrrhon selbst zumindest so gut gelungen zu sein, wie es einem Menschen eben möglich sein kann. Er wird uns jedenfalls bei Diogenes Laertios als ein sehr freundlicher und unprätentiöser Mann beschrieben, der auch seine Fehler und Schwächen zugeben konnte: „Im Zusammenleben mit seiner Schwester, die Hebamme war, ist er recht rücksichtsvoll gewesen […]; so brachte er selbst gelegentlich kleine Vögel auf den Markt zum Verkauf und Ferkel und erledigte anstandslos die Hausreinigung. Ebenso selbstverständlich soll er auch Schweine gesäubert haben. […] Gerügt wegen seiner Panik beim Angriff eines Hundes habe er gesagt, es sei eben schwierig, das Menschliche gänzlich abzulegen; doch tue er sein möglichstes, gegen Schwierigkeiten zunächst praktisch anzukämpfen und, wenn das nicht gelinge, wenigstens mit der Vernunft.“ (In: Diogenes Laertios, Leben und Lehre der Philosophen, übers. u. hg. v. Fritz Jürß, Stuttgart 1998, IX, 66, S. 436.)
[31] In diese Richtung geht auch das berühmte Diktum Montaignes in Hinblick auf die französischen Religionskriege: „Laßt uns die Wahrheit eingestehen: Wer aus unseren Truppen, selbst aus der regulären, königstreuen Armee, alle heraussieben wollte, die darin aus reinem Glaubenseifer marschiern, und hierzu noch jene, denen es zumindest um den Schutz der Gesetze ihres Landes oder den Dienst für ihren Fürsten geht, der brächte nicht einmal eine vollzählige Kompanie zusammen.“ (In: Michel de Montaigne, Essais, a. a. O., II, 12, S. 173).
[32] Laudse, Daudedsching, übers. u. hg. v. Ernst Schwarz, Leipzig 1970, §48, S. 104.

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Bei aller Sympathie

Nono 02.09.2015 09:50

für die skeptische Position: Bei wichtigen Entscheidungen wollen wir doch die Wahrheit wissen (ob das allerdings möglich ist, ist eine andere Frage), wie ich zu zeigen versucht habe: https://philoso42.wordpress.com/?s=warum+wollen+wir+die+wahrheit+wissen Nono

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