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Erschienen in Ausgabe: No 115 (09/2015) Letzte Änderung: 01.09.15

In den letzten Zügen: Salzburger Festspiele 2015 enden mit zwei Highlights – und kurioser Zahlenbilanz

von Hans Gärtner

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Die zwei Highlights ganz am Ende der sechs Salzburger Sommerfestival-Wochen 2015 zuerst: die Wiederaufnahme aus dem Vorjahr „Der Rosenkavalier“ und die eine konzertante Aufführung der 1844 in Venedig uraufgeführten Oper „Ernani“, beide im Großen Festspielhaus bei erträglichen Temperaturen. Eingeheizt wurde nicht von Petrus, sondern von den hochkarätigen Künstlern: den beiden Maestri Franz Welser-Möst (Strauss) samt den gewiegten Wiener Philharmonikern sowieWiener Staatsopernchorist(inn)en und Riccardo Muti, der für Verdi sein alertes Orchestra Giovanile Luigi Cherubini mitbrachte und den in Männlein und Weiblein brav geteilten Chor der Wiener Staatsoper entlieh. Phantastische, raumgreifende Klanggestaltung, vokal wie instrumental, da wie dort. Bei „Ernani“, jener fast „Trovatore“-gleich verworrenen, von Victor Hugo erfundenen Romantic-Soap-Opera um eine Frau zwischen drei Aragoniern hätten Bühnenbild und Kostüme nur gestört. Der energiegeladene, punktgenaue, wieder geschmacksichere Riccardo Muti berauschte sich, seine herrlich präsenten Sänger (allen voran Vittoria Yeo als feurige Elvira mit dem glänzenden Titelpartie-Inhaber Francesco Meli und den Finsterlingen (in Bestform: Bariton Luca Salsi als König Carlo) und, einsame Klasse, Ildar Abdrazakov als Silva), Chormannen und Instrumentalisten bis zur Bühnenmusik des Mozarteum-Orchesters nicht weniger als das hingerissene Publikum der umjubelten Nachmittagsaufführung. Zwei Pausen. Blendende Leuchtkraft Verdi`scher Orchestrierungs- und Dramatisierungskunst. Ein Ensemble, als ob es um eine Ewigkeits-DVD gegangen wäre. So viel Power noch! Das Publikum genoss Verdi satt in vollen Zügen.
In diesen Luststurm aufgewühlter Sinne passt sich der vom genialischen Bühnen-Produktionsteam Harry Kupfer/Hans Schavernoch/Yan Tax bereits für 2014 neu inszenierte „Rosenkavalier“ perfekt ein. Richard Strauss`/Hugo von Hofmannsthals Geniestreich ohne Maria-Theresia-Rokoko-Koketterie, auch ohne modernistische Mätzchen (Robert Carson vor 10 Jahren, selber Ort, selber Anlass), nein:witzig-spritzig-ironisierend auf die Entstehungszeit der Oper gemünzt, ist mit dem, gestatten:atemberaubendsten Cinemascope-Bühnenbild des ganzen Salzburger Festivals (phantastisch-allegorische Wiener Ringstraßen-Architektur) gesegnet. Franz Welser-Möst in seinem Element als beflügelter und beflügelnder Rector Spiritus der ihm ergebenen Wiener Philharmoniker, vielleicht ein wenig zu nonchalant in puncto Sänger-Kontakt. Aber was soll`s: Es waren vier Protagonisten zu erleben, die selbst diejenigen der ausgehenden Karajan- oder späteren Böhm-Ären übertrafen. Allen voran, pardon, das Mannsbild Ochs. Der Oberösterreicher Günther Groissböck füllt diesen dünkelhaften Riesen-Baron mit dem Charme unverhohlenen Jugend-Sex`, stimmlich ein Berserker, als Figur ein Edelmann mit Prolo-Manieren. Umwerfend. Na und dann die Abgeklärtheit selbst, in wallendes Weiß gehüllt, wunderbar empfindungsstark: Krassimira Stoanovas mütterliche Entsagens-Marschallin. Der süße 17 Jahre junge Fratz Octavian (Sophie Koch, herb und burschikos) passte ideal zu dem bezaubernd frischen, farbigen Sopherl (Golda Schultz, Südafrikanerin aus München), deren Papa, den Herrn von Faninal, der Wiener Staatsopern-Bariton Adrian Eröd durch differenziertes Spiel aufwertet. Glanz und Gloria. Leider auf Nimmerwiedersehen.
Nun aber nicht gejammert, sondern noch, ganz nüchtern, zur Zahlenbilanz des heurigen Salzburg-Festspielsommers: 262.893 Besucher aus 74 Nationen. 6.100 von ihnen nächtigten in Salzburger Hotels. Sie hatten die Qual der Wahl unter 188 Aufführungen. In Kirchen, Orchestergräben und bei Sonderveranstaltungen mussten 7.435 Sitzgelegenheiten auf- und wieder abgebaut werden. 220 Tage probten die engagierten Künstler für Opern, Schauspiele und Konzerte, die 33 Orchester und Ensembles, zehn Chöre mit insgesamt 410 Sängern sowie 39 Gesangs- und 53 Instrumentalsolisten bestritten. 75 Programmhefte wurden angeblich produziert. (Das zum „Rosenkavalier“ gehört gepreist!) Ob die Hefte (eigentlich Bücher) alle verkauft – und fleißig gelesen wurden? Konsumiert wurden jedenfalls, das ist belegbar: Eis (gezählte 2.300 Kugeln) und Häppchen (geschätzte 10.000) vom Publikum im Karl-Böhm-Saal. Und, nicht weniger kurios als verständlich: Mineralwasser aus 62.424 Halbliter-Flaschen, aber nicht etwa von den Besuchern, sondern von den Festspielkünstlern. Na denn – Prost. Und auf ein nächstes Salzburger Sommer-Festival. Erst in zwei Jahren wird es vom neuen Intendanten Markus Hinterhäuser geleitet.
Fotos (Hans Gärtner)
Der Rosenkavalier:
Octavian (Sophie Koch) wird gleich dem Fräulein Sophie Faninal (Golda Schultz) die silberne Rose überreichen – im Wiener Ringstraßen-Bühnenbild Hans Schavernochs der „Rosenkavalier“-Inszenierung (2014) Harry Kupfers.

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