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Erschienen in Ausgabe: No 117 (11/2015) Letzte Änderung: 14.11.15

Dem Volk zur Lust und zum Gedeihen - Ein Prachtband über 150 Jahre Gärtnerplatztheatergeschichte

von Hans Gärtner

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Am 4. November 1865 wurde das heute so eingestufte „Staatstheater am Gärtnerplatz“ eröffnet. Pferdekutschen kamen und gingen. Damen und Herren der damals noch nicht so genannten Oberschicht nahmen im Parkett und in den Logen des neu errichteten „Actien-Volkstheaters“ am Münchner Gärtnerplatz ihre Sitze ein. Arbeiter und Bürger mussten sich mit den Rängen 1 bis 3 begnügen, um der Eröffnungsvorstellung beizuwohnen.
Dass die Musen des Theaters, die seinerzeit ihre Schutzflügel weit ausgebreitet haben sollen, noch heute im Haus anzutreffen sind – davon ist der gegenwärtige Intendant, der aus Österreich kommende Josef E. Köpplinger, überzeugt. Er findet sein Haus „wunderschön“. Schon 1988 begann er es zu lieben. 2004 inszenierte er hier die „Gräfin Mariza“, ein Jahr darauf den „Opernball“. Heute bleibt ihm kaum noch Zeit zum Inszenieren; ist er doch, nebenher sozusagen, voll ausgelastet und gefragt als Großbaustellenverwalter. Und das nun schon im dritten Jahr. Der Optimist Köpplinger gibt die Hoffnung nicht auf, dass er am 4. November 2016 den 101. Geburtstag des Gärtnerplatztheaters im vollständig sanierten Gebäude am Platz, dem der Architekt Friedrich von Gärtner seinen Namen gab, feiern kann. Und das mindestens in der Größenordnung, wie dies zum 150. Jubiläum, das Volk einbeziehend und den unfertigen Theaterbau fassaden-bespielend (s. Foto), geschah.
Zu diesem Anlass erschien denn auch ein Prachtband, der aus mehreren berufenen Stimmen die Geschichte der „zweiten Münchner Oper“ nachzeichnet, opulent bebildert und mit jeder Menge geordneten Archiv-Materials bestückt. Herausgeber und selbst schreibender Autor ist, zusammen mit dem Deutschen Theatermuseum, der Operetten-Experte Stefan Frey, dem die Fachwelt bereits eine Lehar- und eine Kalman-Biographie verdankt.
„Dem Volk zur Lust und zum Gedeihen“ überschrieb Frey das Werk, das er im Vorgriff auf die ab dem kommenden Januar geplante Ausstellung im Deutschen Theatermuseum am Hofgarten bereits als „Katalog-Buch“ anlegte. Der historisch verbürgte titelgebende Zimmermannsspruch wurde zum Richtfest im Herbst 1865 erfunden und passt sehr gut; denn „das Gärtner“ ist das einzige öffentliche Theater der bayerischen Landeshauptstadt, das von Bürgern (natürlich wohlhabenden, aber eben auch wohlwollenden) für Bürger (auch für die weniger „geldigen“) geschaffen wurde. Kaum eröffnet, ging der Musentempel schon nach wenigen Jahren bankrott. 1870 übernahm es gottlob der König selbst, Ludwig II. Der sagte: „Meiner Hauptstadt darf der Besitz eines würdigen Volkstheaters nicht länger vorenthalten bleiben“.
Dem Volksschauspiel war denn das Theater in den Anfangsjahren voll verpflichtet, es produzierte auf Teufel komm raus. Bis die Operette Einzug hielt. Erst nach dem 2. Weltkrieg bekam das Haus den Drall zur (Spiel-)Oper, doch schon vorher hatte dort Johannes Heesters seine spektakulären Auftritte. Adolf Hitler erlebte und beglückwünschte ihn als die Verkörperung des frauenergebenen Grafen Danilo schlechthin, der Lehars „Lustige Witwe“ 1938 in der Regie Fritz Fischers zu einem Münchner „Must“ machte. An beiden Schultern habe ihn der Führer, der die „Lustige Witwe“ mit Heesters siebenmal sah, in seiner Loge geschüttelt, erzählte der Holländer nicht ohne Stolz, und zu Goebbels gesagt: `Sehen Sie, Doktor, so muss man Operette machen`.
An Anekdoten ist das schöne, mutige, bis in die jüngste Gegenwart reichende Buch reich. Glanz und Gloria wird darin ausgebreitet. Gold und Silber glitzert. Große Namen fallen – von Hans Albers über Sari Barabas und Willy Duvoisin bis zu Karl Valentin, Rosl Schwaiger und Luise Ullrich. Das Gärtnerplatztheater als Viersparten-Haus: Oper, Operette, Musical und Ballett – hier trat auf, was Rang und Namen hatte.
Mit Elke Schöninger erstellte der fleißige Dramaturg unter Hellmuth Matiasek, Thomas Siedhoff, eine lückenlose Aufführungs-Chronik. Danach hieß das erste Stück „Was wir wollen“. Das bislang erst in Planung befindliche letzte ist „Salon Pitzelberger“, eine wenig bekannte Operette von Jacques Offenbach. Sie soll am 14. Januar Premiere haben. Dann wird sicher auch das Deutsche Theatermuseum seine Pforten zur fest geplanten Ausstellung öffnen, die nicht anders heißen kann wie das jetzt schon fertige Begleitbuch (256 Seiten, 34,95 Euro, Henschel Verlag, Berlin): „Dem Volk zur Lust und zum Gedeihen – 150 Jahre Gärtnerplatztheater“.

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