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Erschienen in Ausgabe: No 117 (11/2015) Letzte Änderung: 14.11.15

Immer am Puls der Zeit: Nichts ist Deko, alles Design – bei Konstantin Grcic in der Neuen Sammlung

von Hans Gärtner

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Es sollte keine Retrospektive werden. Eher der Versuch, Schlaglichter auf das Schaffen eines Designers zu werfen, der gerade dabei ist, Berühmtheit zu erlangen: der in München geborene und hier wieder gelandete „Konstrukteur“ Konstantin Grcic. Dieser Typus kommt Angelika Nollert, der frisch ernannten Direktorin der Neuen Sammlung in Münchens Pinakothek der Moderne, sehr zupasse: 50 Jahre alt, von bescheidener Zurückhaltung, dabei klug und ideenreich sowie immer am Puls der Zeit.

Mit der Erprobung neuer Techniken, neuer Materialien und neuer Formate ist der in England zum Möbelschreiner ausgebildete und den Abschluss des Masterstudiums im Bereich Design am Royal College of Art in London erworbene Grcic so etwas wie ein Münchner Aushängeschild für das, was die Neue Sammlung intendiert: Innovation im Bereich der Objektgestaltung. Eigenwillig nannte Grcic seine auf zwei Räume und drei Themenbereiche verteilte Ausstellung: „THE GOOD. THE BAD. THE UGLY.“ Immer ein Punkt nach jedem Statement. Aber was soll diese Überschrift, die nicht künstlerische, sondern moralische Begriffe transportiert?

Der Besucher ist aufgerufen, selbst eine Antwort auf diese Frage zu finden. Er sollte beim Stuhlprojekt „chair_ONE“ beginnen. Der über Jahre hinweg dauernde Entwicklungsgang vom Entwuf bis zum Fertigprodukt wird anhand von Modellen vorgeführt. Sie sind aus Draht, Pappe, Stahlblech oder 3-D-Druck. Hier wird Grcic konkret hinsichtlich Materialverwendung, Oberflächengestaltung, Gewicht und Raumvolumen.

In die ebenerdig eingerichtete Stuhlprojekt-Abteilung mit frappierend simplen, gelb gestrichenen „Vitrinen“ (ohne Glaswände) ragen – sich permanent bewegend – die Paternoster-Aufzüge hinein. Gut 30 Grcic-Erzeugnisse aktuellen Datums reichen vom Abfalleimer über eine Chaiselongue bis zum Freischwinger und Drehhocker. Der Industriedesigner Konstantin Grcic hab ihnen lustige Namen: Parrish, Tom + Jerry, Traffic, Myto, H 20, Miura oder Remo. „Angewandter Konstruktivismus!“, rief ein Besucher aus, „ziemlich alles Dekoration!“. Dabei verbarg er seine Abschätzigkeit dem soeben Gesehenen gegenüber nicht.

Von hier die steile Treppe, vorbei am Paternoster, nehmen und durch die Rotunde in den Raum gehen, der fast zur Gänze von einer Besonderheit Konstantin Grcics ausgefüllt wird: dem „TT-Pavilion“! Nicht „Pavillon“, sondern „Pavilion“, da ist Grcic wieder eigen. Er habe ihn, sagt er, „als kleines polygonales Gebäude aus Holz und Aluminium konzipiert. Der Bezug zur neuen Generation des Audi TT wird durch sieben Original-Heckklappen hergestellt, die als flügelartige Eingänge dienen.“ Für Grcic ist das siebeneckige, einem UFO ähnliche Gefährt – vor gemalter Fantasy-Kulisse (rostrote bizarre Canyon-Landschaft, dahinter graue Wolkenkratzer) „ein Auto, mit dem man aus der Stadt heraus in die Natur fährt. Dieses Erlebnis wollte ich durch ein Raumobjekt veranschaulichen, das das entlegene Ziel einer solchen Fahrt darstellt … Autos sind industriell gefertigte und außerordentlich raffinierte Architekturen …, perfekt ausgestattete Funktionsräume zum Arbeiten, Kommunizieren, Essen und Entspannen …“

Zwar nicht essen, aber entspannen – das folgt nach beendeter Grcic-Schau. Auf den „TT-Pavilion“-Sitzen hat man`s nicht gerade bequem. Die Polsterung fehlt. Aber man wird das Gefühl der Abschätzigkeit los, das von dem getroffenen Mit-Besucher einen selbst beschlich. Konstantin Crcic – das ist doch kein „angewandter Konstrukteur“, sondern ein Baukunsthandwerker ohne Dekorations-Absichten. (Bis 28. Februar)

Blick aus dem hölzernen TT-Pavilion auf seinen Konstrukteur Konstantin Grcic. (Foto: Hans Gärtner)

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