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Erschienen in Ausgabe: No 118 (12/2015) Letzte Änderung: 01.12.15

New Yorker Klänge zum Auftakt der 29. Jüdischen Kulturtage im Gasteig

von Anna Zanco-Prestel

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David Krakauer: Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition e.V.

Kein traditionelles Klezmer-Konzert wie oftmals in den vergangenen Jahren, sondern eine neue Multi-Media-Schau aus New York war der glanzvolle Auftakt der Jüdischen Kulturtage 2015, die die Präsidentin der Gesellschaft zur Förderung Jüdischer Kultur und Tradition Frau Ilse Ruth Snopkowski am 15. November im Carl-Orff-Saal des Gasteig eröffnete.
Überschattet war die Veranstaltung von den jüngsten schrecklichen Attentaten von Paris, woran mit einer Schweigeminute gedacht wurde. Erwähnung fanden sie in allen Reden der 1. und des 2. Vorsitzenden Dr. Peter Snopkowski, vom Bayerischen Staatsminister Ludwig Spaenle sowie vom Stadtrat Dr. Wolfgang Heubisch, der Münchens Oberbürgermeister vertrat.
In „THE BIG PICTURE“, einer beinah zweistündigen Reise durch die New-Yorker-Filmmusik begleitete der Grammy-nominierte New Yorker Klarinettist David Krakauer, der sich selbst einen „clarinet-virtuoso and cultural visionary“ nennt. Eine Darbietung von hohem Unterhaltungswert, die das Münchner Publikum begeisterte und nachdenklich zugleich machte. Denn in seiner eindrucksvollen Multi-Media-Produktion wird eine „Landschaft des kollektiven Gedächtnisses“ heraufbeschworen, die starke Emotionen ins Spiel bringt. Arrangiert für seine aus 5 hochkarätigen Musikern (Klavier, Violine, Kontrabass, Gitarre und Percussions) bestehende Band wurde ein Mix an Motiven aus unbekannten und berühmten Stücken aus 12 Filmen gespielt, von Lenny, Life is beautiful, Cabaret, Fiddler on the roof, The pianist bis hin zu Midnight in Paris von Woody Allen, dem unangefochtenen Aushängeschild vom jüdischen Manhattan und letztendlich von New York selbst. In ebenso vielen Animationsfilmen des New Yorker Graphik-Studios Light of Day lässt Krakauer vor dem Hintergrund historischer Ereignisse die Geschichte seiner eigenen jüdischen Familie aufrollen, die noch im XIX. Jht. aus Osteuropa nach Long Island kam und neben der Hoffnung auf ein besseres Leben auch ihr kulturelles Erbe mitbrachte. Jeder Kurzfilm weist einen jüdischen Bezug entweder zu den Personen – Schauspieler, Interpreten wie Barbara Streisand – auf, zur jüdischen Tradition oder zu Themen wie Krieg und Verfolgung. David Krakauer gilt als der am meisten innovative Klezmer-Interpret. Mitgerissen vom intensivem Klang seiner schwarzen Klarinette spannt die Musik als treibende Kraft einen Bogen von der Ballade bis hin zum „ballsy Rock“.
Klezmermusik mit portugiesischem Fado vermischt, präsentierte die 2006 gegründete Band Melech Mechaja (Die Party-Könige), während das 2001 von der tschechischen Pianistin Markèta Janackova gegründete Janacek Trio ein Tribut an jene jüdische Künstler ist, die in Konzentrationslagern gefangen waren und sogar dort ihre Leidenschaft für die Musik auslebten.
Ein mitreißendes Konzert der israelischen Band Yemen Blues mit traditionellen jemenitischen Melodien, westafrikanischen Grooves vermischt mit Blues, Jazz und Funk und unterschiedlichen Instrumenten aus ihren Herkunftsländern war das letzte, umjubelte musikalische Highlight der Veranstaltungsreihe.
Nach der Lesung unter dem Titel „Auch Nichtraucher müssen sterben“
aus der Textsammlung von Friedrich Torberg durch das Wiener Schauspieler- und Moderatorenpaar Peter Machac & Monika Strauch, fand das Konzert der israelischen Liedermacherin Yael Deckelbaum statt, bekannt auch als Mitglied der Band HaBanot Nechama oder als die „israelische Joni Mitchell“.
Deutschlandpremiere hatte der tschechische Dokufilm „Nach Norden“ (1915), in dem die Flucht einer Gruppe tschechisch-jüdischer Teenagers nach Nordeuropa zurückverfolgt wird, wo sie dank der Unterstützung dänischer Familien und der Liga für Frieden und Freiheit gerettet wurden.
Die Vorführung fand in Anwesenheit von vier Zeitzeugen und deren Adoptivfamilien aus Dänemark, Schweden und Israel statt. Der Film begleitet die Ausstellung „Sophies Entscheidung – Der tschechische Weg“ im Tschechischen Zentrum.
Großes Interesse erweckte die Podiumsdiskussion „Die dritte Generation nach der Shoah“ mit Dipl.-Psych. Louis Lewithan und Dr. Jürgen Müller-Hohagen und der Moderation vom Leiter des ARD-Studios Tel Aviv Richard C. Schneider. Mit auf dem Podium auch die seit zehn Jahren in Berlin lebende Filmemacherin Sharon Ryba-Kahn, die sich bei ihrer Rückkehr nach Israel nach zwölfjähriger Abwesenheit auf der Suche nach Antworten in einem vom Krieg tief gezeichneten Land begab und einen Film über ihre eigene, der Shoah entronnene Großmutter drehte.
Als „Gegenspieler“ trat der deutsche Schriftsteller und Journalist Uwe von Seltmann auf , der - als Sohn eines 1944 als Vollweise in Krakau geborenen Mannes - sich auch nach seinen Wurzeln umsieht und die schockierende Entdeckung macht, dass sein Großvater als Mitglied der Waffen-SS bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes aktiv mitwirkte. Beide, die Israelin und der Deutsche zählen zu jener Dritten Generation nach der Shoah, die das Schweigen der Eltern als gemeinsame Erfahrung teilen. Schweigen der Täter, Schweigen der Opfer, Weigerung, unbequeme Fragen der Kinder zu beantworten, aus Gründen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Alle Opfer jener „conspiracy of silence“, die beidseitig als Belastung, als schweres Erbe einer Vergangenheit empfunden wird, die nicht vergehen will oder kann. Was aber unterscheidet beide in ihrer Reaktion und Verhalten? Auf jüdischer Seite – meinten die Experten – stünde man man vor einer dritten Generation „mit Radarantennen“, die wieder stolz sei, jüdisch zu sein, und es dennoch nicht leicht habe, sich zu offenbaren, zu „outen“.
Unsicherheit, diffuse Ängste, ein Mix aus Schuldgefühlen und Traumatisierung zeichne sich hingegen bei vielen gleichaltrigen Deutschen ab, die ein problematisches Verhältnis zur eigenen Identität entwickelt haben. Verdrängungsmechanismen werden in Gang gesetzt, die zu Verdrehungen, zu peinlichen Relativierungen der Geschichte führen oder zu völlig absurden Gleichsetzungen wie „schreckliche Deutsche = schreckliche Israelis, die palästinensische Kinder töten“.
Die Antwort sei allein in einer größeren Offenheit im Umgang mit der Vergangenheit, insbesondere mit der persönlichen Biografie, zu finden - suggeriert Uwe von Seltmann, der seinem Buch„ Todleben – Eine deutsch-polnische Suche“ Hermann Hesses Wort vorangestellt hat: „Es kommt alles wieder, was nicht zu Ende gelitten und gelöst ist“.
„Der Geschichte ein Gesicht geben“ sei sein Motto, denn „nicht sechs Millionen ermordete Juden, sondern persönliche Geschichten seien wichtig, um die Erinnerung wach zu halten“. Dies gelte um so mehr in Zeiten eines wieder aufwachenden Nationalismus, dem es mit allen Mitteln entgegen zu wirken gelte. Das „Geschehen in die eigene Biografie zu integrieren, um aus der Sprachlosigkeit herauszukommen“, war das Rezept von Dr. Jürgen Müller-Hohagen, Leiter vom „Dachau Institut für Psychologie und Pädagogik“, spezialisiert seit seinem Umzug nach Dachau in der Erforschung seelischer Nachwirkungen der NS-Zeit und Autor eines Buches über die zwei Seiten von Auschwitz.
Im Raum stand verständlicherweise die Frage, ob das Aufflammen des Terrorismus im Herzen Europas und die wachsende Unsicherheit alte Ängste bei Juden auslöse, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten eine neue Heimat gefunden haben. Die Antwort war, dass man ausgerechnet als Jude hier weiter leben müsse. Denn Deutschland sei – wie der weise Ben Gurion es schon einmal formulierte – ein „anderes Land“ geworden, was sich definitiv seit der WM 2006 auch nach außen hin gezeigt habe.
In gelassen-vergnügter Atmosphäre ging es nach der lebhaften Podiumsdiskussion im Jüdischen Museum weiter, wo Hanno Löwy sich in dem für ihn neuen DJ- Beruf einübte und Platten auflegte, die die Entwicklung jüdischer Musik aufzeichneten von den ersten amerikanischen Kantorenaufnahmen, den rebellisch-poetischen Liedern eines Bob Dylan und Leonhard Cohen bis hin zum heutigen Tag zurückverfolgten. Die Veranstaltung fiel zusammen mit der Finissage der Ausstellung „Jukebox! Jewbox- Ein Jüdisches Jahrhundert aus Schellack und Vinyl“, die der profilierte Kurator und Direktor des Jüdischen Museums Hohems seit dem 25. März 15 in München zeigte und nun nach Frankfurt und in andere Städte weiter wandert. Die erfolgreiche Werkschau steht ganz im Zeichen jener Tonträger - Grammophone, Schellackplatten, Vinyltonträger und allen voran das mythische Juke-Box -, die das Zeitalter der Massenunterhaltung entschieden mitgestaltet haben und heute reinen Kultstatus besitzen. Im Zuge einer aufregenden Zeitreise wird die Umwandlung synagogaler Musik in Populärmusik beobachtet, von der Neuerfindung jüdischer folkmusic und von der Karriere jiddischer Theaterlieder auf dem Brodway bis hin zur Punk-Rebellion. Nicht immer wurde jüdische Musik oder Musik jüdischer Interpreten auf Schallplatten gespielt. Dennoch bleibt die Geschichte der Schallplatte und deren Derivate mit der jüdische Musiker, Komponisten Musikproduzenten und Songwritern eng verflochten, deren Evergreens und Soundtracks weltbekannter Musicals und Filme das 20. Jahrhundert mitgeprägt haben. Am Anfang dieser jüdischen Erfolgsstory steht Emil Berliner (1851-1029), dem die Erfindung des Grammophons und der Schallplatte zu verdanken ist. Aufgerollt wird sie nun von den ersten Grammophonen bis zur Auflösung des Mediums im World Wide Web unserer supertechnologischen Tage. Begleitet wird die Rekonstruktion auch mit Erzählungen über die Bedeutung der Schallplatte auf der persönlichen Ebene als Sammelbecken unserer Illusionen, Utopien und Träumen.

www. jüdisches-museum-muenchen.de
www.juedischekulturmuenchen.de

Eine Aufzeichnung der Podiumsdiskussion „Die Dritte Generation nach der Shoah“ zeigt BR-Alpha am 16. Januar 2016 um 22.30.

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