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Erschienen in Ausgabe: No 119 (01/2016) Letzte Änderung: 07.01.16

Islam in Mali

von Michael Lausberg

Mali ist das größte Land Westafrikas mit etwa 90 Prozent Menschen muslimischen Glaubens. Die Mehrheit der Muslime in Mali sind Sunniten. Der Rest sind Anhänger der christlichen Religion, traditionelle indigene Religionen oder Atheisten. Die meisten Muslime erkennen die Demokratie als gültige Staatsform an, die sie als kompatibel mit dem Islam auslegen. Im 9. Jahrhundert brachten muslimische Berber und Tuareg-Händler den Glauben des Islam südwärts in Westafrika, wo er auch im heutigen Mali Fuß fassen konnte. Dort gründeten sich Sufi-Bruderschaften (Tarika), die politischen und gesellschaftlichen Einfluss besaßen. Städte wie Timboktu, Gao und Kano wurde internationalen Zentren des islamischen Lernens.
Die Tuareg sind ein zu den Berbern zählende Gemeinschaft, deren Siedlungsgebiet sich über die Wüste Sahara und den Sahel erstreckt.[1] Von den Tuareg werden neben ihrer eigenen Sprache mehrere Verkehrssprachen gesprochen, von Songhai über Arabisch und Hassania bis Französisch Sie lebten jahrhundertelang nomadisch im Gebiet der heutigen Staaten Mali, Algerien, Niger, Libyen und Burkina Faso und zählen heute etwa eineinhalb bis zwei, nach Eigenangaben bis drei Millionen Menschen. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind viele inzwischen sesshaft geworden. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Aufständen der Tuareg, die sich behindert fühlen, ihre hirtennomadische Lebensweise fortzuführen.
Die bis heute weit verbreitete arabische Volksetymologie Tawariq bedeutet „von Gott Verstoßene“ und dient dazu, eine arabische Überlegenheit über die Tuareg auszudrücken.[2] Grund dafür sind die liberalen religiösen Auffassungen der Tuareg, die von Vertretern einer strengen muslimischen Doktrin als verwerflich angesehen wird. Der Name Tuareg hat sich seit der Kolonialzeit im deutschen, frankophonen und angloamerikanischen Sprachraum eingebürgert. Die Tuareg selbst bezeichnen sich nicht mit diesem Namen. Die emische Bezeichnung der Tuareg lautet Imushagh in Mali.[3]
Im 11. Jahrhundert wurden sie von arabischen Beduinen vom Stamm der Banu Hilal aus dem Fessan vertrieben und sahen sich abgedrängt in die Gebiete der zentralen Sahara, insbesondere das Tassili n'Ajjer, Aïr und Ahaggar, wo sie seit dieser Zeit leben.[4] Insoweit konnten sie sich einer Arabisierung ihrer Kultur (Schrift, Sprache, Handwerkskultur, matrilineare Sozialstrukturen) entziehen. Gleichwohl übernahmen sie den Islam.Nach dem Untergang des Songhaireichs im Zuge des marokkanischen Eroberungskrieges im 16. Jahrhundert drangen die Tuareg zunehmend auch in die Sahelzone ein und errangen in der Folgezeit unter anderem die Kontrolle über Timbuktu und das Sultanat Aïr mit Sitz in Agadez.
Die Tuareg mussten immer wieder um das Recht kämpfen, als freies Volk anerkannt zu werden und nach ihrer Tradition leben zu dürfen.[5] Im 19. Jahrhundert leisteten sie der vordringenden Kolonialmacht Frankreich in der Saharazone von Westafrika lange Zeit heftigen Widerstand. Erst 1917 wurde ein Friedensvertrag geschlossen. Mit dem Ende der französischen Kolonialherrschaft in Westafrika 1960 wurde das Siedlungsgebiet der Tuareg zwischen den nunmehr unabhängigen Staaten Mali, Niger und Algerien aufgeteilt, wobei kleinere Gruppen der Tuareg zudem in Libyen und Burkina Faso leben.[6]
1990 bis 1995 revoltierten die Tuareg in Mali und Niger aufgrund der Unterdrückung und Ausgrenzung durch die jeweiligen Regierungen. Ein Führer des Tuareg-Aufstandes war Mano Dayak. Mitte der 1990er Jahre wurden die Aufstände nach der Unterzeichnung von Friedensverträgen beendet. 2007 beschuldigte die neu gegründete Tuareg-Rebellengruppe Bewegung der Nigrer für Gerechtigkeit die Regierung, den Friedensvertrag nicht einzuhalten.[7] Außerdem fordern sie einen Anteil des Gewinns aus dem Uranabbau nordwestlich von Agadez für die Tuareg.[8]
Die bewaffneten Auseinandersetzungen im Norden des Landes führten dazu, dass die Sicherheitskräfte gravierende Menschenrechtsverletzungen wie außergerichtliche Hinrichtungen, Geiselnahme und Folter verübten. Bewaffnete Gruppen im Norden Malis waren für Übergriffe wie z.B. sexuelle Gewalt, vorsätzliche und willkürliche Tötungen und Körperstrafen verantwortlich. Beide Seiten schrecken nicht davor zurück, Kindersoldaten. für ihre Zwecke zu rekrutieren.
Die Geschichte des Islam bei den Tuareg begann bereits zu Lebzeiten des Propheten und Religionsstifters Mohammed im 7.Jahrhundert. Truppen arabischer Kamelreiter drangen von der Mittelmeerküste ins Landesinnere vor, um den Islam in Afrika zu verbreiten. Soweit erforderlich, wurde Waffengewalt eingesetzt. Sie stießen über den libyschen Fessan und die zentralsaharischen Bergländer vor, bis sie zur nigrischen Ténéré-Wüste gelangten, nördlich des Tschadsees. Die Ausbreitung des Islam war maßgeblich von Interesse für das Gelehrtenwissen der arabischen Händler. Damit war er für die Handelsinteressen bestimmt.[9]
Der Transaharahandel war zu dieser Zeit sehr wichtig für die Bewohner des Gebietes des heutigen Mali. Seit dem 5. Jahrhundert kam es durch den Aufstieg des Reiches von Ghana in der westlichen Sahara zu einem erneuten Aufschwung des Handels. Durch die Entstehung einer sozialen Oberschicht im Niger-Senegal-Gebiet stieg die Nachfrage nach Luxusgütern aus dem Norden erheblich an. Die Intensivierung des Handels wurde auch durch den staatlichen Schutz von Ghana begünstigt.
Im Austausch für das Gold der Wangara lieferten die nordafrikanischen Händler hauptsächlich Salz aus den Salinen von Taghaza (Nordmali) und Idschil (Westmauretanien), da Salz im tropischen Westafrika sehr begehrt war. Endpunkt des Handels im Maghreb war bis ins 11. Jahrhundert Sidschilmasa. Auf der Bornustraße zwischen dem Tschadsee und Tripolis waren Sklaven seit der Antike das wichtigste Ausfuhrprodukt. Salz kam in diesem Bereich aus den Oasen von Bilma und Fachi. Wichtigste Importprodukte aus Nordafrika waren Pferde, Stoffe und Waffen. Innerhalb der Handelsnetzwerke spielten bis zum 12. Jahrhundert ibaditische Gruppen aus Nordafrika eine tragende Rolle.
Unter dem Songhaireich stieg Timbuktu ab 1450 am Niger zum bedeutendsten Handelszentrum in der Sahelzone auf. Es wurde durch die engen Kontakte mit dem Maghreb auch Zentrum der islamischen Kultur im westlichen Afrika mit der Kulturstadt Timbuktur. Allerdings wurde das Songhaireich 1591 durch eine Invasion der aus dem heutigen Marokko stammenden Saadier zerschlagen.
Insbesondere im 11. Jahrhundert sah sich die ansässige Bevölkerung einer nachhaltigen Offensive islamisch-kultureller Überlagerung ausgesetzt.[10] Ganze Stammesgruppen mit ihren Familien und Herden wanderten in die Hoheitsgebiete der Berber ein. Viele Bewohner wichen den militarisierten Eindringlingen aus und verzogen sich in die schwach besiedelten Gebiete der Sahara. Wo sich der Islam in der Region etablierte, erzeugte die Bevölkerung großes Sendungsbewusstsein. Dieses Phänomen konnte insbesondere in der westlichen Sahara beobachtet werden wie das Almoravidenreich in der Zeit von 1046 bis 1147. Im 11.Jahrhundert hatte der Islam die gesamte Westsahara durchdrungen und die berberischen Stämme unter seinen Einfluss gebracht. Als Folge des Eindringens wanderten die einheimischen Bevölkerungsgruppen nach Süden ab und lösten weitere Wanderungsbewegungen aus, die bis heute nicht zum Stillstand gekommen sind.[11]
Bei den berberischen Vorfahren der heutigen Tuareg vollzog sich der Prozess der Islamisierung und Arabisierung deutlich verhaltener. Die Kontakte zu den arabisierten Nomaden waren trotz der abgeschiedenen und dünn besiedelten Regionen Fessans und der Berge recht eng. Sie waren offen für die arabischen Kultureinflüsse, was ganz besonders für die Religion gilt.[12] Sie ließen jedoch eher gewähren, als dass sie aktiv wurden. Gleichwohl schlichen sich tradierte Kulte zunehmend aus und verloren sich bei diesem Adaptionsprozess, der noch heute nicht abgeschlossen ist. Der Forschungsreisende und Ethnograph, Henri Lhote, der ein Standardwerk über die Tuareg geschrieben hatte, schrieb in einem Kapitel über die Kel Ahaggar Algeriens und die religiösen Verhältnisse bei den Sahara-Bewohnern:[13]
„Auch wenn sie sich wie alle Neubekehrten darum bemühen, alte Glaubensbräuche zu verbergen, ist es doch richtig, daß solche hier und da zu erkennen sind“
Möglicherweise vermochte der almovaridische Agag Alemin, der ein berühmter Korangelehrter war und eine schulmeisternde Gruppe um sich gebildet hatte, der Tuaregschicht der „Inselemen“ (Korangelehrten) eine gewisse Orientierung zu geben.[14] Das Vordringen der europäischen Mächte beschleunigte die Islamisierung des saharisch-sahelischen Raumes. Insbesondere die islamischen Führer boten der bevorstehenden Kolonialverwaltung die Stirn. Sie organisierten Widerstände, die ab 1916 in der Ausrufung des Heiligen Krieges gipfelten und den Kaosenaufstand im Osten sowie den Firhun (Aufstand im Westen) nach sich zogen. Die daran beteiligten Tuaregführer genießen bis heute legendären Ruhm. Aufgrund fehlender Geschlossenheit der Tuaregstämme gingen die Kämpfe letztlich verloren.[15]
Zwar gilt der Koran den Tuareg als „Heiliges Buch“; dennoch ist nicht zu verkennen, dass mangels arabischer Sprachkenntnisse der Zugang zum Buch schwer fiel und auch heute noch schwerfällt.[16] Koranschulen waren und sind Knaben vorbehalten. Deren Besuch ist unregelmäßig, da viele Tuareg noch nomadische Lebensweisen pflegen. Jahrhunderte alte Moscheen existieren in Gao, Agadez und Timbuktu, vereinzelt im südlichen Ahaggar und im Aïr, sie werden aber bei weitem nicht so benutzt wie in anderen muslimischen Lebensräumen.
Zumeist wird vom Besuch einer Moschee abgesehen. Stattdessen wird eine Bodenfläche gereinigt, die mit einem Kreis loser Steine eingefriedet wird. Dieser Ort gilt sodann der religiösen Handlung.[17] Das Gebet wird unter diesen kargen Umständen in Richtung Mekka verrichtet. Pilgerfahrten nach Mekka wiederum werden zumeist abgelehnt, da sie als reines Renommee verstanden werden.
Der Ramadan wird großzügig ausgelegt, oft unter Hinweis darauf, das Volk habe außerhalb des Fastenmonats bereits zu oft Hunger zu leiden oder aber dass Tuareg als „Reisende“ (Nomaden) derartiger Pflichten überhaupt ledig seien. Insgesamt attestieren Wissenschaftler den Tuareg ein oberflächliches Verhältnis zur Religion des Islam.[18]
Die Tuareg-Gemeinschaft ist bis heute stark hierarchisch strukturiert. Man unterscheidet eine Nomenklatur, die von den „Adeligen“ über die „Korangelehrten“, „Vasallen“ und die „Sklaven“ bis hin zu den „Schmieden“ reicht. Die „Ineslemen“ sind die religiöse Klasse der Korangelehrten, die sich durch erbrechtliche oder durch taugliche Studienabschlüsse in diese Position bringen konnten. Ihr Stellenwert ist vergleichbar mit dem der Adeligen („Noblen“). Sie beschäftigen sich mit der Exegese des Koran und anderer religiöser Schriften. Praktische Relevanz offenbart sich in der Festlegung des Termins für den Aufbruch der Kamelkarawanen, bei Hochzeiten oder Beerdigungen.[19] Ihren Unterhalt (traditionell Speisen, heute Geld oder Geldwertes wie Ziegen) verdienen sich die Ineslemen aus dieser Tätigkeit. Weiterhin legen sie ihre Erfahrungen in Zetteln als Niederschriften fest und beschäftigen sich mit magischen Formeln; diese wurden oft in Kleidungsstücke eingenäht oder in Metallbehältern aufbewahrt, die als Halsamulett getragen wurden. Die Niederschriften befassen sich überdies mit Anleitungen zu Heilzwecken; die Tinte der Niederschriften wird mit Wasser aufgeweicht und als Trunk dem Heilsbedürftigen gereicht, der die Texte so gewissermaßen verinnerlichDen Prozeduren gemeinsam ist, dass sie hoher Geheimhaltung unterliegen. Mittels Amulett-Briefchen werden auch wertvolle Tiere (insbesondere Kamele) geschützt. Es gilt den Teufel und dessen negative Kraft (iblis) zu bannen.[20]
Die im Islam verbreiteten Feste werden von den Tuareg kaum oder mit deutlichen Abweichungen gefeiert. Der Fastenmonat (Ramadan) wird nicht stringent eingehalten.[21] Kaum Bedeutung haben Ereignisse wie die Lailat al-Qadr (Nacht der Bestimmung), das Fest des Fastenbrechens („ʿĪdu l-Fitr“), das Opferfest, die Himmelfahrt Mohammeds, die Nacht der Vergebung („Lailatu l-Barā'a“), oder das „Jalsa Salana“ (Fest der spirituellen Erbauung).
Ein Fest, das in der weltweiten islamischen Bevölkerung regelmäßig nicht gefeiert wird, hat bei den Tuareg jedoch eine große Bedeutung, der Feiertag Mawlid an-Nabi zu Ehren des Geburtstages Mohammeds.[22] Bestenfalls finden Zusammenkünfte statt, um Geschichten und Legenden aus dem Leben des Propheten zu erzählen oder zu hören. Dabei stehen die Moscheen erleuchtet.
Den Tuareg gilt es als Fest schlechthin. Zu Mitternacht strömen Menschenmengen aus allen Himmelsrichtungen zu besonderen für das Fest vorgesehenen und vorbereiteten Kultplätzen. Jeder hat die beste Kleidung seines Repertoires am Leib. Es wird gesungen und in der Morgendämmerung werdenKamelritte demonstriert.[23]
Ein wichtiges Fest ist das der männlichen Beschneidung. Die frisch beschnittenen Männer, etwa im Alter von 18 Jahren erhalten Gesichtsschleier, sodass der Weg in die männliche Geschlechterrolle und die kulturellen Werte der Bescheidenheit eröffnet sind. Viele Rituale integrieren islamische und vorislamische Elemente in ihre Symbolik. Dabei handelt es sich um Verweise auf die matrilineare Linie der Ahnfrauen, vorislamische Geister, die Erde, Fruchtbarkeit und Menstruation.
Die Weltsicht der Tuareg erlaubt, dass die Seele (Iman) persönlicher als Geister ist.[24] Die Seelen Verstorbener sind frei. Tote Seelen können Nachrichten bringen; im Gegenzug werden Gegenleistungen erbracht, wie Hochzeitsabsprachen. Die Zukunft könne gelegentlich vorhergesagt werden, wenn auf den Gräbern der Ahnen geschlafen wird. Vorstellungen über das Jenseits (Paradies) entsprechen denen des offiziellen Islam.[25]
Besonders geprägt von überlieferten kulturellen Werten aus der vorislamischen Zeit ist die Stellung der Frau in der Tuareg-Gesellschaft. Die soziale Bedeutung der Frau weicht von den üblichen islamischen Traditionen deutlich ab. Frauen genießen enorme Verhaltensfreiheiten im Umgang mit Männern und engen die Dominanz des männlichen Geschlechts ein.[26] Die Frau ist gleichberechtigt und hat keine Rechenschaft darüber abzulegen, wohin sie geht und was sie tut, solange sie die Fürsorge für die Familie nicht vernachlässigt. Matrilokalität und deren Vorschriften lassen es zu, sich von einem ungeliebten Ehemann scheiden zu lassen. Auch können den Mann benachteiligende Eigentumsrechte treffen.[27]
Allein das Erbrecht wird korangerechter ausgelegt; so erbt der Sohn grundsätzlich das Doppelte der Tochter. Aber auch diese Regelungen werden umgangen, indem zu Lebzeiten verschenkt wird. Verschiedene Güter sind gar nicht übertragbar und können nur genutzt werden („ach iddaren“), was den Verbleib in der Familie der Frau bedeutet, soweit auch hier matrilokale Vorschriften Anwendung finden. Dabei handelte es sich zumeist um Nutztiere und deren Milch. Der Entzug aus dem Güterkreislauf und dem Verbleib in der mütterlichen Erblinie, werden diese Tiere auch zum Gegenstand.
Die wahhabitische Rechtsschule ist in Mali stark vertreten. Dies sind die Anhänger einer puristisch-traditionalistischen Richtung des sunnitischen Islams, die der hanbalitischen Rechtsschule folgen. Die Bewegung gründet sich auf die Lehren Muhammad ibn Abd al-Wahhabs. Die Wahhabiten lehnen den Sufismus, den Kalām und auch alle Formen des schiitischen Islams ab. Sie wenden sich darüber hinaus auch strikt gegen Heiligenverehrung, Wallfahrten zu Gräbern und die Feier des Prophetengeburtstags.
Die Anhänger Ibn Abd al-Wahhabs nehmen für sich in Anspruch, die islamische Lehre authentisch zu vertreten. Glaubensauffassungen, die mit dem Wahhabismus nicht vereinbar sind, werden von ihnen in der Regel als unislamisch deklariert. Die meisten Wahhabiten leben heute in Saudi-Arabien, wo ihre Lehre staatliche Förderung genießt.
Mitte der 1940er Jahre verbreitete sich die wahhabitische Lehre auch nach Westafrika, wo sie bestimmten bürgerlichen Schichten, insbesondere Händlern, als „anti-klerikale Ideologie“ zur Brechung der Macht der Marabouts diente.Wahhabiten wurden zum Beispiel schon in dieser Zeit als eigene Gruppe in den Netzwerken junger malischer Studenten und Händler mit Kontakten zum Mittleren Osten sichtbar. 1951 gründeten junge Wahhabiten in Bamako eine Zweigniederlassung der Gesellschaft der muslimischen jungen Männer. Wahhabiten traten darüber hinaus in Scharen der Union Culturelle Musulmane (UCM) bei, als diese 1957 ihren ersten Kongress in Dakar abhielt.
Die wahhabitische Lehre fasste auch schon sehr früh in der Elfenbeinküste Fuß. 1950 rief Kabiné Diané aus Guinea in Bouaké mit der Madrasa Sunniyya die erste wahhabitische Schule ins Leben. Sie hatte zwei Jahre später bereits 354 Schüler.Nach dem Modell der Madrasa Sunniyya wurde 1958 eine zweite wahhabitische Schule in Adjamé gegründet. Die Leitung der Madrasa Sunniyya selbst ging 1958 in die Hände von Mory Moussa Camara aus Mali über, der die Schule in Dar al-Hadith umbenannte. 1962 erhielt die wahhabitische Gemeinde in Abidjan zum ersten Mal eine eigene Moschee.
Schon im Laufe der 1950er Jahre kam es in verschiedenen Städten der Elfenbeinküste zwischen den Wahhabiten und den Anhängern der Marabouts, die die Unterstützung der französischen Kolonialverwaltung hatten, zu Schlägereien. Der bedeutendste derartige Konflikt ereignete sich 1951/52 in Bouaké, wo die wahhabitische Gemeinschaft relativ zahlreich war. Weitere Streitigkeiten ereigneten sich in Gagnoa (1956), Treichville (1958) und Man (1959 bis 1962). Erneute Konflikte zwischen Wahhabiten und den Vertretern des traditionellen Islams traten in den 1970er Jahren auf, als sich die Wahhabiten in verschiedenen Städten, so in Danané und Korhogo, beim Gebet von den anderen Muslimen absonderten. Ende der 1970er Jahre wurden bei Auseinandersetzungen auch verschiedene wahhabitische Moscheen zerstört.
Einer der bedeutendsten Könige in Mali war Mansa Musa (1312-1337), der den Einfluss Malis auf den großen Niger-Stadtstaaten Timbuktu, Gao und Djenn erweitert. Mansa Musa war ein frommer Muslim und baute prächtige Moscheen in ganz Mali. Seine mit Gold beladene Pilgerfahrt nach Mekka machte ihn zu einer historischen Figur auch in der europäischen Geschichtsschreibung. Unter Mansa Musa wurde Timbuktu einer der wichtigsten kulturellen Zentren nicht nur Afrikas, sondern der ganzen Welt. Die große Moschee von Djenné mit ihren Lehmziegeln gilt als ein Höhepunkt der sudanesisch-sahelischen Architektur in Mali. Die erste Moschee auf dem Gelände wurde im 13.Jahrhundert erbaut; die aktuelle Struktur stammt aus dem 1907.
Die Moschee ist der Mittelpunkt der Stadt Djenné im Binnendelta des Niger. Sie zählt zu den berühmtesten Bauwerken Afrikas und wurde von der UNESCO im Jahr 1988 gemeinsam mit der Altstadt Djennés und einigen umliegenden Ausgrabungsstätten zum Weltkulturerbe erklärt.
Der Bau der ersten Moschee von Djenné lässt sich auf die Zeit zwischen 1180 und 1330 eingrenzen. Der Imam der Moschee Es-Sa'di schrieb 1620, dass im Jahr 1180 der Sultan Koi Kunboro öffentlich zum Islam übertrat. Anschließend stellte er seinen Palast den Gläubigen zur Verfügung und ließ ihn zur ersten Großen Moschee von Djenné umbauen. Seine beiden Nachfolger waren für den Bau der Türme und der Mauer veranwortlich, so dass heute als Gründungsdatum das Jahr 1240 genannt wird.
Amadu Hammadi Bubu, der Gründer des Massina-Reichs, ließ das Bauwerk 1834 zerstören und anschließend verfallen. Der Verfall wurde durch die Lehmbauweise, welche einer ständigen Überprüfung und Pflege bedarf, beschleunigt. Der Eroberer betrachtete die Moschee als zu üppig und luxuriös. Der einzige Teil, der vom ursprünglichen Gebäude übrig blieb, ist die Umfassung mit den Gräbern der lokalen Führer. Die zweite Moschee wurde bis 1896 auf Basis der alten Pläne wieder errichtet, wurde jedoch in einem bescheideneren Stil gebaut. Sie wurde für die heutige Moschee jedoch wieder abgerissen, die sich in Größe und Aussehen an der ersten orientiert. Zu diesem Zeitpunkt war Djenné Teil von Französisch-Westafrika, und die Franzosen leiteten die Errichtung der Moschee und der nahe gelegenen Madrasa in die Wege und unterstützten das Vorhaben politisch und finanziell. Der Bau der derzeitigen Großen Moschee begann 1906 und war wahrscheinlich 1907 oder 1909 abgeschlossen.
Viele Moscheen in Mali erhielten mittlerweile eine elektrische Verkabelung und sanitäre Einrichtungen. In einigen Fällen wurden dazu die Oberflächen der Moscheen verkachelt. Dabei wurden das historische Erscheinungsbild und die strukturelle Integrität der Gebäude zerstört. Die Moschee von Djenné wurde zwar mit einem Lautsprecher-System ausgestattet, die Bürger von Djenné widersetzten sich jedoch erfolgreich der äußeren Modernisierung des Gebäudes.
Die Gebetswand (qibla) der Großen Moschee ist ostwärts gegen Mekka ausgerichtet. Vor ihr liegt der Marktplatz der Stadt. Die Quibla wird durch drei große Minarette und achtzehn kleine Kuppeln überragt. In jedem Minarett führt eine spiralförmige Treppe zum Dach, auf dem eine konisch geformte Spitze sitzt.
Ein Dach bedeckt das eigentliche Moscheegebäude, die andere Hälfte der Anlage dient als offene Gebetshalle. Neunzig Holzsäulen in der inneren Gebetshalle stützen das Dach der Moschee. Die zweite, offene Gebetshalle liegt im Hof hinter dem überdachten Moscheeteil. Sie ist im Norden, Süden, Westen von Wänden umgeben, den östlichen Teil schließt der überdachte Moscheeteil ab. In den Wänden sind Arkaden eingelassen, die den inneren Hof umziehen. Mehr als 2000 Menschen haben darin Platz.
Die Moschee von Djenné war im Mittelalter eines der wichtigsten islamischen Zentren. Tausende von Studenten kamen, um hier den Koran zu studieren. Auch wenn es zahlreiche Moscheen gibt, die älter sind als die heutige Moschee von Djenné, ist diese Moschee doch eines der wichtigsten Symbole sowohl der Stadt Djenné als auch des Staates Mali.
In vielen Teilen des Landes wird der Islam nicht so streng ausgelegt und ist lokalen Gegebenheiten angepasst. Frauen werden im wirtschaftlichen und politischen Leben eingebunden und müssen in der Regel keine Schleier tragen. Der Islam in Mali hat mystische Elemente, Verehrung der Vorfahren und der traditionellen animistischen Überzeugungen absorbiert. Viele Aspekte der traditionellen Gesellschaft in Mali fördern Normen mit Demokratieerziehung, einschließlich Toleranz, Vertrauen, Pluralismus, die Gewaltenteilung und die Rechenschaftspflicht der Regierung gegenüber ihren Wählern.
Beziehungen zwischen der muslimischen Mehrheit und die Christen und andere religiösen Minderheiten--einschließlich Praktiker der traditionellen indigenen Religionen- sind in der Regel als tolerant zu bezeichnen. Anhänger verschiedener Glaubensrichtungen findet man innerhalb der Familie. Viele Anhänger einer Religion nehmen an religiöse Zeremonien anderer Religionen, besonders Hochzeiten, taufen und Beerdigungen teil.
Ausländischen islamischen Prediger herrschen im Norden, während die Dama, eine regionale islamische Gruppe, Moscheen in Kidal, Mopti und Bamako unterhält. Die Dawa hat Anhänger unter den Bellah, die einst die Sklaven der Tuareg-Adligen waren, und auch unter den arbeitslosen Jugendlichen gewonnen. Die Dawa hat einen starken Einfluss in Kidal, während die wahhabitischen Bewegung in Timbuktu gewachsen ist.
Im August 2003 gab es ein Konflikt in dem Dorf Yerere bei dem traditionellewahhabitischen Sunniten angegriffen wurden. Dies ist jedoch eher die Ausnahme, die meisten religiösen Gruppen sind nicht an einem Alleinvertretungsanspruch ihrer jeweiligen Religion interessiert.
Ausländische christliche Missionsgruppen mit Sitz in Europa sind in der in der Entwicklungsarbeit beschäftigt, in erster Linie mit der Bereitstellung medizinischer Versorgung und Bildung. Diese Hilfstätigkeiten werden mit dem Werben um den Übertritt zur christlichen Religion verbunden. Ausländische Missionare können im Land ohne Einmischung der Regierung ihrem Ziel nachgehen; Muslime und Nichtmuslime können frei missionieren.
Im Südwesten des Landes haben sich animistische Traditionen, die vor dem Islam vorherrschend waren, erhalten. Der Mensch soll im Animismus aus einem Körper und mindestens einer Seele bestehen. Diese "Seele" ist nicht an den Menschen gebunden, lebt auch nicht in ihm, sondern in seiner Nähe. Sie ist mit Emotionalität, Willen und Denkvermögen ausgestattet. Die Seelen sollen den Körper beschützen (insbesondere vor Attacken böser Geistwesen). Sie beeinflussen zudem die normalen Lebensvorgänge im menschlichen Körper.
Lebende Verwandte eines Verstorbenen sind für die Seele des Verstorbenen verantwortlich. Sie müssen sie versorgen, und – viel wichtiger – sie dürfen den Verstorbenen nicht vergessen. Denn solange an die Seele eines Verstorbenen gedacht wird, ist sie in einem Zustand persönlicher Unsterblichkeit. Darum hat die Familie in animistischen Kulturen einen so hohen Stellenwert. Wenn die Verstorbenen jedoch vergessen werden, dann erlischt die persönliche Unsterblichkeit, und sie werden somit zu Geistwesen, die keine Anbindung mehr an die Welt der Ahnen und somit auch nicht mehr an die Menschen haben. Wenn sie dann den Menschen erscheinen, gibt es niemanden, der sie beim Namen nennen könnte, und sie können Furcht und Schrecken verbreiten.
Ahnenverehrung und Gräberkult sind sehr wichtig, denn die Ahnen können der Gemeinschaft helfen oder sie auch strafen. Zu diesen Ahnen kommt noch eine Galerie von Geistern und Dämonen, von guten Wesen und bösen Wesen, die durch Opfer, Geruch und Riten gelockt oder vertrieben werden können. Diese Geisterwelt ist das Erklärungsmuster für viele Phänomene wie Krankheit, Missernten, Hungersnöte, Unfälle und andere Nöte. Wenn etwas Derartiges geschieht, wird gefragt, wer die Geistwesen verärgert hat, wer Gesetze gebrochen hat und damit die Ahnen gegen die Gemeinschaft aufgebracht hat.
Animistische Gruppen wandeln auf den Gräbern ihrer Ahnen.Eine Lösung des mystischen Bandes zur Totenwelt (etwa durch einen Umzug in eine andere Gegend oder Deportation wie im Sklavenhandel) würde Unglück über ihre Familie und das Leben der Gemeinschaft bringen.
Es gibt Geistwesen, die das Geschehen in der Welt entscheidend beeinflussen. Diese Geister sind entweder böse oder gut, je nachdem, wie man sie sich den Menschen gegenüber eingestellt denkt. Geister sind selbständige Wesen, die keine Beziehung (mehr) zu den Ahnen haben. Ahnen werden zu Geistern, wenn es niemanden mehr gibt, der den Verstorbenen kannte. Die wesentlichsten Einflüsse und Wirkungen der jenseitigen auf die diesseitige Welt haben Geistwesen, die als Ahnengeister gegen ihre lebenden Verwandtschaftsgruppen Sanktionen verhängen, wenn deren Mitglieder gegen ethische und soziale Normen verstoßen haben.
Grundsätzlich kann man animistische Kulturen in zwei Kategorien einteilen: solche mit Ahnenkult und solche, die keinen besonderen Ahnenkult betreiben. Fundamental anders ist die Art, wie Kulturen mit der jenseitigen Welt in Kontakt treten.
Im Animismus mit Ahnenkult (vorwiegend in Kulturen von sesshaften Bodenbauern) sind es Medien, die eine Verbindung mit der Geisterwelt herstellen. Die Geister werden als „Fortsetzung“ der Persönlichkeit von verstorbenen Gruppenmitgliedern begriffen. Da es demnach eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen den Ahnengeistern und der sozialen Gruppe gibt, können die Geistwesen – deren aktive Gegenwart sich im passiven Medium zeigt – sehr direkt um Hilfe gebeten werden; das Medium wird „besessen“.Wenn der Kontakt seitens der Menschen gesucht wird, dann wird eine „Sitzung“ arrangiert, in deren Verlauf man erwartet, dass ein gutartiges Geistwesen von dem Medium Besitz ergreift, um sich ihm mitzuteilen.
Schamanen und ähnliche Geisterbeschwörer hingegen gibt es im Animismus ohne Ahnenkult. Geisterbeschwörer sind Vermittler von Wissen, von dem man voraussetzt, dass es im Jenseits vorhanden ist, und das als Handlungsanweisung in Krisensituationen aller Art dient.
Die Verfassung sieht für die Religionsfreiheit vor, und die Regierung respektiert im Allgemeinen dieses Recht in der Praxis. Es gibt keine Staatsreligion; die Verfassung definiert das Land als einen säkularer Staat, bekämpft aberreligiöse Praktiken, die eine Bedrohung für die soziale Stabilität und Frieden sein könnten.
Familienrecht, Gesetze in Bezug auf Scheidung, Ehe und Vererbung basieren auf einer Mischung aus lokaler Tradition und islamischen Recht und Praxis.
Während der Präsidentschaftswahlen im April und Mai 2002 stattfand, betonte die Regierung und die politischen Parteien die Säkularität des Staates. Als wenige Tage vor den Wahlen ein radikaler islamischer Führer die Muslime aufforderte, für ehemalige Premierminister Modibo Keita zu stimmen, kritisierte der Hohe Rat des Islam, die ranghöchste islamische Einrichtung des Landes, die Anweisung und warb für eine freie Entscheidungsfindung.
Im Januar 2002 wurde der Hohe Rat des Islams geschaffen, um religiöse Angelegenheiten für die gesamte muslimische Gemeinschaft zu koordinieren und die Qualität der Predigten in Moscheen zu standardisieren. Alle muslimischen Gruppen erkennen seine Autorität an.
Die afrikanisch geführte internationale Unterstützungsmission in Mali (AFISMA) war eine Militärmission unter Führung der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS zur Unterstützung der Regierung des ihres Mitgliedes Mali gegen islamistische Rebellen im Rahmen des seit 2012 herrschenden Konfliktes im Norden des Landes.
Am 6. April 2012 erklärten zwei Sprecher der rebellierenden Tuareg die Unabhängigkeit des Azawad von der Republik Mali. Das Exekutivkomitee der MNLA bat die internationale Gemeinschaft, ihren Staat unverzüglich anzuerkennen. Der französische Verteidigungsminister Gérard Longuet sagte, die Erklärung bedeute nichts, solange andere afrikanische Staaten die Unabhängigkeit des Gebietes nicht anerkennen. Wenig später bezeichnete die Afrikanische Union die Unabhängigkeitserklärung der MNLA für nichtig. nach Catherine Ashton, Sprecherin der EU-Außenbeauftragten hatte die Europäische Union in der Krise durchgehend deutlich gemacht, dass sie die territoriale Unversehrtheit Malis respektiere.
Inzwischen hatte sich in Azawad eine Ansar Dine genannte islamistische Gruppe gebildet, die der Al-Qaida nahesteht. Diese Gruppe führte die Scharia ein und kämpfte für einen islamischen Staat, während sich die MNLA für einen religiös neutralen Nationalstaat einsetzte. Frauen mussten sich verschleiern, des Diebstahls Verdächtige mussten damit rechnen, dass ihnen die rechte Hand abgehackt wurde. Schon kurz nach der Unabhängigkeitserklärung brach der Bund zwischen der MNLA und Ansar Dine, angeführt von Iyad Ag Ghaly, der nach Angaben seiner Anhänger bei einem Aufenthalt in Pakistan seinen wahren Glauben fand, wegen politischer und religiöser Differenzen. Islamistische Gruppierungen distanzierten sich zunehmend von der Unabhängigkeitserklärung der MNLA und vertrieben ihre ehemaligen Verbündeten aus Timbuktu und anderen Städten der Region. Am 28.Juni 2012 brachte Ansar Dine nach Kidal auch Gao und Timbuktu vollends unter ihre Kontrolle, vertrieb die MNLA aus den Städten und setzte dort die Scharia durch.
Im Mai und Juni 2012 zerstörten Mitglieder von Ansar Dine das zum UNESCO-Welterbe gehörende Mausoleum Sidi Mahmud Ben Amar in Timbuktu und drohten Anschläge auf weitere Mausoleen an. Ende Juni 2012 wurde Timbuktu (im Fokus die Lehmmoscheen von Timbuktu) aufgrund des bewaffneten Konflikts in Mali auf die Rote Liste des bedrohten Weltkulturerbes gesetzt. Kurz danach wurde die Zerstörung der durch die UNESCO denkmalgeschützten Grabstätten von Sidi Mahmud, Sidi Moctar und Alpha Moyaunter unter Verhöhnung der UNESCO fortgesetzt. Im November 2015 tötete Ansar Dine drei Menschen bei einem Anschlag auf das Lager der Blauhelm-Soldaten in Kidal.
In einer Videobotschaft vom 6. April 2012 erklärte die Ansar Dine, dass sie die Unabhängigkeitserklärung der MNLA nicht anerkennt. Ziel sei das islamische Recht der Scharia in ganz Mali.
Viele Tuareg werfen der Regierung von Mali vor, dass sie versucht habe, ihr Volk auszulöschen. Nach Bamako geflohene Nordmalier demonstrierten dort mehrfach gegen die Abspaltung des Azawad und beabsichtigen, die Rebellen zu entmachten.Am 8. April 2012 gründete sich die überwiegend aus ethnischen Arabern aus Timbuktu bestehende Miliz Front de libération nationale de l'Azawad (FLNA), die nach eigenen Aussagen über 500 Kämpfer verfügt.
Die Mission wurde durch die am 20. Dezember 2012 verabschiedete Resolution 2085 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen legitimiert, welche einen Einsatz einer afrikanisch geführten internationalen Unterstützungsmission in Mali für einen Zeitraum von einem Jahr vorhersah. Die Resolution ermächtigte die Mission der Westafrikanischen Staatengemeinschaft, „alle notwendigen Mittel“ zu ergreifen, um der Regierung Malis bei der Rückeroberung des Nordens aus den Händen „terroristischer, extremistischer und bewaffneter Gruppen“ zu helfen. Die AFISMA wurde am 01. Juli 2013 durch die United Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali (MINUSMA) abgelöst.
Der Vorstoß der islamistischen Rebellen und die anschließenden französische Intervention 2012 hatten Konsequenzen. Anfang Januar 2013 kündigte der Präsident der ECOWAS, Alassane Ouattara, am 11. Januar 2013 an, gemäß der UN-Resolution 2085 innerhalb kürzester Zeit die geplante Entsendung der 3300 Soldaten umfassenden Eingreiftruppe einzuleiten. An diesem Einsatz beteiligten sich Soldaten aus Senegal, Nigeria, Niger, Burkina Faso, Ghana, Elfenbeinküste, Guinea, Togo und Benin.
Zunächst gab es Probleme bei der Finanzierung des Militäreinsatzes. Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft schätzte die Kosten der Unterstützungsmission auf 375 Millionen, fast doppelt so teuer wie erwartet. Die Europäische Union sagte 50 Millionen Euro als finanzielle Unterstützung zu.
Am 28. Februar 2013 entschied sich der Deutsche Bundestag auf Bitten Frankreichs dafür, seinem Partnerland die Bereitstellung von Lufttransportkapazitäten sowie Luftbetankung für die französischen Streitkräfte bereitzustellen und ihn in seinem Kampf gegen die Rebellen logistisch zu unterstützen. Dazu wurde ein Kontingent mit einem Airbus A-310 MRTT und drei C-160 Transall sowie dem notwendigen Unterstützungs- und Bodenpersonal bereitgestellt.
Die Opération Serval war eine Intervention der französischen Streitkräfte in Mali auf Anfrage der dortigen Regierung. Die Vereinten Nationen billigten dieses Vorgehen mit der Resolution 2085 des UN-Sicherheitsrates vom 20. Dezember 2012. Das offizielle Ziel der Operation war es, die malische Armee beim Aufhalten, Zurückdrängen und Ausschalten militanter Islamisten aus dem Azawad, welche einen Vorstoß in das Zentrum des Landes begonnen hatten, zu unterstützen. Außerdem sollte durch die Operation die Sicherheit von ca. 6.000 französischen Zivilisten, die sich im Land aufhielten, gewährleistet werden. Von der unsicheren Lage in Mali waren zudem die wirtschaftlichen Interessen Frankreichs betroffen, da Mali und das Nachbarland Niger über wichtige Bodenschätze verfügen, die von französischen Firmen seit längerer Zeit ausgebeutet werden.
Nachdem es im Januar 2012 infolge des Bürgerkrieges in Libyen zu verstärkten Waffenlieferungen nach Mali gekommen war, begannen Stammesangehörige der Tuareg von der Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) eine Rebellion gegen die malische Regierung.
Im April 2012 beendete die Offensive gegen die Regierung und erklärte die Unabhängigkeit von Azawad. Im Juni 2012 jedoch geriet die MNLA in Konflikt mit den islamistischen Gruppierungen Ansar Dine und Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO), nachdem die Islamisten mit der zwangsweisen Einführung der Scharia in Azawad begonnen hatten. Bis zum 17. Juli 2012 hatten MUJAO und Ansar Dine die MNLA gewaltsam aus allen bedeutenden Städten verdrängt. Am 1. September 2012 wurde Douentza, eine Stadt in der Region Mopti unter der Kontrolle der Ganda-Iso-Miliz, von der MUJAO eingenommen.Am 28. November 2012 vertrieb die Ansar Dine die MNLA aus Léré, einer Kleinstadt im Kreis Niafunké in der Region Timbuktu.
Diese Entwicklungen führten dazu, dass sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in seiner Sitzung am 20. Dezember 2012 der Situation in Mali. beschäftigte, was letztendlich zur Resolution 2085 führte, die eine afrikanisch geführte internationale Unterstützungsmission in Mali legitimierte.
Die Situation der malischen Armee nach mehreren Monaten militärischer Auseinandersetzungen mit den Rebellen verschlechterte sich immer weiter. Den Rebellen gelang es Ende Januar, die Kleinstadt Konna einzunehmen. Sie bewegten sich anschließend in Richtung der strategisch wichtigen Großstadt Mopti, die den Zugang zur Hauptstadt Bamako ermöglicht. Daraufhin richtete der Präsident der malischen Übergangsregierung, Dioncounda Traoré, ein offizielles Gesuch um militärische Unterstützung zur Verhinderung der jihadistischen Offensive an Frankreich. Als Folge der französischen Kolonialpolitik in Westafrika, die bis in die 1960er Jahre andauerte, war Mali, nicht zuletzt durch die gemeinsame Sprache, stark von der ehemaligen Kolonialmacht und den ebenfalls französischsprachigen Nachbarländern geprägt und auch jetzt noch durch die Rekolonialisierungspolitik Frankreich wirtschaftlich abhängig.
Der französische Staatspräsident François Hollande gab seine Zustimmung, so dass die französische Armee in Mali seit dem Nachmittag des 11. Januar 2013 interveniert. Es war der erste Auslandseinsatz französischer Truppen seit der Amtseinführung Hollandes im Mai 2012. Ziel sei es, die Regierungstruppen von Mali im Kampf gegen „terroristische Elemente“ zu unterstützen. Am 15. Januar erklärte Hollande auf einer Pressekonferenz in Dubai, dass die französischen Truppen Mali erst verlassen und die Operation beenden würden, wenn Mali sicher sei sowie eine legitime Ordnung und einen Wahlprozess habe. Außerdem dürften die Terroristen die territoriale Integrität von Mali nicht mehr gefährden.
Hollande nannte drei Hauptziele der Operation:
·Stopp des terroristischen Angriffs,
·Sicherung von Bamako und der dort lebenden mehreren tausend französischen Staatsbürger,
Mali mit Hilfe der von den Franzosen unterstützten AFISMA in die Lage zu versetzen, seine territoriale Integrität wiederherzustellen.
Die militärischen Interventionen sind auch durch die zahlreichen Rohstoffvorkommen in Mali zu erklären. Der dortige Bergbau ein relativ junger Wirtschaftszweig. Die ersten Explorationen wurden in den 1980er Jahren durchgeführt, in den 1990er Jahren begann die stürmische Entwicklung der Goldgewinnung. Heute ist Mali der drittgrößte Goldproduzent Afrikas nach Südafrika und Ghana. Jährlich werden bis zu 50 Tonnen Gold gewonnen (10% davon von zahlreichen nicht-industriellen Goldschürfern); die Reserven werden auf 800 Tonnen geschätzt. Neben Gold lagern weitere Rohstoffe im Boden, dazu gehören geschätzte 20 Millionen Tonnen Phosphate, 40 Millionen Tonnen Kalk, 53 Millionen Tonnen Steinsalz, 1,2 Milliarden Tonnen Bauxit, 2 Milliarden Tonnen Eisenerz, 10 Millionen Tonnen Mangan, 10 Milliarden Tonnen Ölschiefer, 60 Millionen Tonnen Marmor, 5000 Tonnen Uran und 1,7 Millionen Tonnen Blei und Zink. Aufgrund schlechter Infrastruktur und Energieversorgung sind diese Rohstoffe bislang zwar geologisch erfasst, aber nicht erschlossen.
Die Dominanz des Goldbergbaus wird durch die Anzahl der erteilten Lizenzen demonstriert: im Jahr 2011 gab es 251 Explorationslizenzen und neun Abbaulizenzen für Gold, jedoch nur 32 Explorationslizenzen und zwei Abbaulizenzen für alle anderen Rohstoffe gemeinsam.Der Goldabbau steuert 25% des Staatshaushaltes und 7% des Bruttoinlandsproduktes bei.Die wichtigsten Minen wie Sadiola, Yatela, Morila oder Syama gehören mehrheitlich ausländischen Gesellschaften wie Anglogold Ashanti, Iamgold oder Randgold Resources, lediglich das Unternehmen Wassoul’Or, Betreiber der Kodieran-Goldmine, ist überwiegend in malischem Besitz.
Den Minenbetreibern wird vorgeworfen, Umwelt und Lebensgrundlage der Bevölkerung zu zerstören, Arbeitskräfte auszubeuten, den Dorfgemeinschaften jedoch keine Vorteile zu bringen.In der Tat hatten 2011 alle Bergbauunternehmen gemeinsam weniger als 10.000 Arbeitsplätze geschaffen. Vor diesem Hintergrund ist die Ankündigung zu sehen, dass eine Änderung des Bergbaugesetzes den Staatsanteil erhöhen und das Mitspracherecht der lokalen Gemeindeverwaltungen ausdehnen soll.


[1] Forkl, H./Kalter, J./Leisten, T./Pavaloi, M. (Hrsg.): Die Gärten des Islam, London/Stuttgart 1993, S. 271
[2] Ebd.
[3] Ebd., S. 272
[4] Ebd., S. 110
[5] Kaufmann, H.: Wirtschafts- und Sozialstruktur der Iforas-Tuareg, Köln 1964, S. 16
[6] Ebd., S. 19
[7] Ebd., S. 36
[8] Krings, T. Sahelländer, Darmstadt 2006, S. 56
[9] Ebd., S. 32
[10] Ebd., S. 34
[11] Forkl/Kalter/ Leisten/Pavaloi, Die Gärten des Islam, a.a.O., S. 274
[12] Nicolaisen, Economy and Culture of the Pastoral Tuareg, a.a.O., S. 89
[13] Zitiert aus Lhote, H.: Les Touaregs du Hoggar, Paris 1955, S. 46
[14] Forkl/Kalter/ Leisten/Pavaloi, Die Gärten des Islam, a.a.O., S. 274
[15] Nicolaisen, Economy and Culture of the Pastoral Tuareg, a.a.O., S. 89
[16] Hureiki, J.: Tuareg - Heilkunst und spirituelles Gleichgewicht, Schwülper 2004, S. 26
[17] Freitag, A., Die Tuareg. Ein Wüstenvolk zwischen Gott und Geistern, S. 11
[18] Forkl/Kalter/ Leisten/Pavaloi, Die Gärten des Islam, a.a.O., S. 274
[19] Ebd., S. 272
[20] Ebd., S. 274
[21] Ebd., S. 276
[22] Freitag, Die Tuareg. Ein Wüstenvolk zwischen Gott und Geistern, a.a.O., S. 12
[23] Forkl/Kalter/ Leisten/Pavaloi, Die Gärten des Islam, a.a.O., S. 274
[24] Nicolaisen, J.: Economy and Culture of the Pastoral Tuareg, Kopenhagen 1963, S. 124
[25] Ebd., S. 125f
[26] Köhler, A.: Verfassung, Soziale Gliederung, Recht und Wirtschaft der Tuareg, Berlin 1972, S. 26 ff.
[27] Krings, Sahelländer, a.a.O., S. 265

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