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Erschienen in Ausgabe: No 119 (01/2016) Letzte Änderung: 07.01.16

Alois Glück - Warum die Familie kein Auslaufmodell ist

von Alois Glück

In seinem Essay plädiert der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, als Erfolgsmodell der Zukunft. Es gilt, so die Forderung, die Familie wieder in das Zentrum der Gesellschaftspolitik zu stellen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Frage: Was sind unsere Maßstäbe für die Beurteilung und Bewertung familienpolitischer Leistungen?

Die familienpolitischen Debatten führen häufig zu Konflikten und nicht selten zu erbittertem und verletzenden Streit. Warum ist dies so? Weil diese Diskussionen ganz schnell Wertungen über unterschiedliche Lebenswege und Lebensentscheidungen werden. Immer geht es dabei um unterschiedliche Familienleitbilder und die Prioritäten bei Lebensentscheidungen. Ebenso kontrovers ist dann die politische Debatte um die Gestaltung familienpolitischer Leistungen. Leider bleibt die politische Kontroverse dann meistens in der Oberflächlichkeit von „konservativ“ oder „modern“. Inhaltlich ist das dann substanzlos, es geht nur um politischen Stellungskrieg.
Der Konflikt geht aber auch quer durch die Familien und freundschaftliche Beziehungen. Auch in den Parteien ist mehr Vielfalt und Kontroverse als oft nach außen sichtbar wird. In unserer katholischen Kirche geht es gerade mit Blick auf die Weltbischofsynode zur Situation der Familie in der modernen Gesellschaft nicht nur um intensive Debatten und theologische Fragestellungen, sondern auch um unterschiedliche Familienleitbilder. Die Familie ist in allen Kulturen und Kontinenten wichtig, aber die Leitbilder und die realen Lebenssituationen sind sehr unterschiedlich.
Die familienpolitischen Diskussionen sind aber auch so engagiert und so heftig, weil fast alle Menschen die Erfahrung haben, dass die Familie lebensprägend und für das Lebensglück von außerordentlicher Bedeutung ist. Erfahrungen, die positiv oder negativ sind.
Nach dem Medienbild muss man annehmen, dass die Familie für die meisten Menschen und vor allem für die jungen Menschen nicht mehr das Leitbild für ihren Lebensentwurf ist. Daraus speisen sich auch die tief kulturpessimistischen Diskussionen über den „Werteverfall“ in unserer Gesellschaft bis hin zum „Untergang des Abendlandes“.
Alle zugänglichen Daten widersprechen aber diesen Klischees aus den Schubladen von modern oder konservativ.
Die umfangreichste Datensammlung zur Lage der Familien ist der „Familienreport 2012 der Bundesregierung“. Nach diesen Erhebungen sagen allen Abgesängen zum Trotz knapp 80 % der Deutschen, dass man eine Familie braucht, um glücklich zu sein. Besonders bei jungen Menschen steht Familie hoch im Kurs! Der Wert von Familie ist bei jungen Erwachsenen bis 30 Jahre so hoch wie nie zuvor; 2010 finden mehr als drei Viertel dieser Altersgruppe, dass man eine Familie zum Glück braucht, 1984 waren es nur etwa 50 %! Das Familienverständnis, die Familienbilder, haben sich in den letzten zwölf Jahren erheblich verändert und erweitert. Vier von fünf Befragten denken bei Familie auch an die zusammenlebende Dreigenerationenfamilie von Großeltern, Eltern und Kindern (82 Prozent). Deutlich häufiger als noch im Jahr 2000 erfahren auch unverheiratete Paare mit Kindern und Alleinerziehende Anerkennung und Akzeptanz als Familie. Die Solidargemeinschaft Familie wird offensichtlich in Zeiten wachsender Krisen und des Wegbrechens von Gewissheiten einschließlich entsprechender sozialer Sicherungssysteme neu entdeckt.
Die Menschen suchen aber mehr als diese Sicherheiten.
In der Familie suchen und finden Menschen Liebe, Geborgenheit und gegenseitige Hilfe. Familie und Kinder bedeuten Freude, Glück und Zusammenhalt. Natürlich auch Anstrengung, Einschränkung und Verzicht. Aber ohne diese Erfahrungen und diese Bereitschaft gibt es auch kein gelingendes Leben und keine Entwicklung der Persönlichkeit. In der Familie werden die Grundwerte unserer Gesellschaft von Generation zu Generation weitergegeben. Die familienpolitische Diskussion bezieht sich fast immer auf die Familiengründung, auf die Familien mit kleinen Kindern. Die Familie hat vielfältige Gesichter, Partner, Eltern, Kinder, Kindeskinder, Geschwister, Großeltern, betreuende und betreute Angehörige. Selbst wenn sie räumlich getrennt sind, halten Familien zusammen und übernehmen gegenseitige Verantwortung und Fürsorge.
Natürlich entspricht diese Schilderung nicht immer der Wirklichkeit, natürlich gibt es auch andere Wirklichkeiten. Diese Schilderung beschreibt jedoch, was die Menschen mit Familie als Leitbild ihres Lebensentwurfes und ihrer Lebensentscheidungen verbinden. Wie in allen Bereichen des Lebens gelingt dies oft nur sehr bedingt, es ändert aber nichts an dem Wert und an dem Zukunftsentwurf.
Kinder ins Leben zu begleiten, gehört zu den wertvollsten Erfahrungen, auch wenn es oft anstrengend ist. Kinder lernen in den Familien Grundregeln des Zusammenlebens, die Werte von Kultur und Religion, Gemeinschaft in Freude und Leid. Das Vertrauen, sich auf den Mitmenschen und seine Fürsorge verlassen zu können, aber auch die Vermittlung von Durchsetzungskraft und Teamfähigkeit sind für eine vitale und solidarische Gesellschaft unersetzlich. Politik und Sozialstaat können die familiären Bindungen und die menschliche Fürsorge nicht ersetzen.

Das Fundament für die Familie ist die Qualität der Beziehungen. Die Qualität dieser Beziehungen lebt aus der Bereitschaft wechselseitig Verantwortung zu übernehmen. Diese Bereitschaft, die Entwicklung dieser Fähigkeit ist fundamental für ein gelingendes Leben und für die Qualität unseres Zusammenlebens.
Die traditionelle Betrachtung von Ehe und Familie und die aktuelle Auseinandersetzung in der katholischen Kirche ist stark von der Fixierung auf die Sexualmoral geprägt. Für die Qualität von Beziehung und Familie ist aber vor allem die Beziehungsethik ausschlaggebend, die eine entsprechende Verantwortung gegenüber der Partnerin und dem Partner, den verantwortlichen Umgang mit Sexualität mit einschließt.
Gesellschaftliches und politisches Handeln kommt aber nicht ohne Leitbilder aus.
Wann immer wir in Kirche und Gesellschaft für das Gelingen von Beziehungen konkrete Orientierungshilfen anbieten, besteht die Gefahr, dass sich Menschen ausgegrenzt fühlen. Ohne Orientierungsangebote wiederum, das ist die andere Gefahr, wird Verunsicherung spürbar, fehlt wichtigen Entscheidungen eine Zielgröße.“
Was sind die Grundorientierungen des religiös neutralen Staates in der Familienpolitik? Es sind vor allem zwei Orientierungsmarken: Der Vorrang der Verantwortung der Eltern und des Elternrechtes und das Kindeswohl.
Im Hinblick auf das Elternrecht ist es eine zentrale Aufgabe der Politik Wahlfreiheiten zu fördern. Das ist der Kern der Auseinandersetzung um das Betreuungsgeld, nicht die Klischees von modern oder konservativ. Das sind inhaltslose Totschlagargumente. Dabei gilt auch hier wie in vielen anderen Politik- und Lebensbereichen, dass ein möglicher oder auch praktizierter Missbrauch, eine Fehlentwicklung bei einer Minderheit kein ausreichendes Argument ist, um diesen Weg generell zu blockieren.

Kindeswohl: Was brauchen Kinder für ihre Entwicklung?
Diese für die Entwicklung des Menschen so zentrale Frage ist das vernachlässigte Stiefkind der familienpolitischen Debatte. Natürlich können wir nicht mit Zahlen und Fakten messen und argumentieren, was Kinder brauchen. Lebenssituationen und auch Kinder sind sehr unterschiedlich, aber alle Menschen brauchen für ihre Entwicklung Aufmerksamkeit und Zuwendung. Dies verlangt eine entsprechende innere Einstellung, dies braucht Zeit und Kraft.
„Wir wissen aus vielen Forschungen, dass wir für die Gehirnentwicklung aufeinander abgestimmte Interaktionserfahrungen brauchen, um uns gut in einer Beziehung mit einem Menschen zu fühlen. Das heißt, jemand ist auf mich eingestimmt, hat Blickkontakt, reagiert auf mich. Solche Erfahrungen brauchen Babys an vorderster Stelle, um überhaupt beziehungsfähig zu werden. Wenn sie niemanden haben, der auf sie reagiert, weil vielleicht nur ein Fernseher läuft, auch wenn der Mensch da ist, dann erleben sie eine emotionale Isolation. Das fühlt sich für das Gehirn nicht gut an, das ist ein großer Stress… Heute schon sind etwa 20 – 25 % der Grundschulkinder auffällig und haben so viele Symptome, dass sie eigentlich Unterstützung bräuchten… Die Frage der Beziehungsfähigkeit wird ja ganz schnell zu einer gesamtgesellschaftlichen Frage: Wenn die Menschen nicht mehr gesellschaftsfähig sind, keine dauerhaften Partnerschaften mehr eingehen, wo sie sich nicht mehr emotional ausreichend auf Kinder einlassen können, geschweige denn empathisch erziehen. Die Gesellschaft entscheidet an dieser frühen Stelle, wo es auf die nächsten hundert Jahre gesehen langgeht.“ (Karl Heinz Brisch, Psychiater und Oberarzt am Haunerschen Kinderspital in München, SZ 21./22.06.2014)
Diese Analyse wird auch durch die Ergebnisse der Bindungsforschung über die Bedeutung der Beziehung und Bindung von Kleinkindern bestätigt. Diese Erfahrungen und Maßstäbe gelten für alle Eltern, alle familiären Strukturen; sie sind auch der Maßstab für die Qualität und die Vertretbarkeit von Kitas und Kindergärten. Diese Forschungsergebnisse werden aber kaum diskutiert. Warum? Weil es unsere Erwachsenenwelt stört?

Trotz dieser überragenden Bedeutung der Familie für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft, stehen die realen Lebensbedingungen für Familien, für Elternschaft und für Kind oft im Widerspruch zu dieser großen Bedeutung. Viele junge Frauen und Männer wünschen sich, dies zeigen Umfragen, die Familie mit Kindern. Aber sehr viele verwirklichen diesen Wunsch nicht. Vor allem die Anforderungen in der Arbeitswelt führen viele junge Menschen in Interessenskonflikte. Wie können junge Menschen mit immer wieder befristeten Zeitverträgen Familien gründen? Der Zwang zur Mobilität und Flexibilität sowie der rasche Wandel im beruflichen Umfeld können Familienzeiten zum Risiko werden lassen. Daher wird häufig der vorhandene Wunsch nach einem Familienleben mit Kindern wegen der Bedingungen im Erwerbsleben, und nicht selten auch wegen Zukunftsängsten, nicht verwirklicht.
Die Erschwernisse und Hindernisse im Alltag sind für Familien vielfältig. Nicht von ungefähr kam dafür die Beschreibung der „strukturellen Rücksichtslosigkeiten“ gegenüber Familien.
Andererseits haben wir in Deutschland finanzielle Leistungen für die Familien wie kaum ein anderer Staat. Trotzdem sind wir bei der Zahl der Geburten Schlusslicht. Was sind die Ursachen? Zu wenig Idealismus und Werte? Das ist zu billig!
Warum haben wir diese Diskrepanz zwischen den Lebensentwürfen und den Wünschen der Menschen und dieser Wirklichkeit?
Dafür ist ein wertvoller Hinweis das Ergebnis einer Umfrage „Wie kinderfreundlich ist Europa“ der Stiftung für Zukunftsfragen.
Dänemark ist Spitzenreiter. 90 von 100 Befragten sehen ihr Land als kinderfreundlich an. In Deutschland sagen dies 15 von 100 Befragten. In Spanien sind es 49 %, in den Niederlanden 47 %, in Frankreich 40 %, in Österreich 31 %.
Solange sich diese gesellschaftliche Situation nicht ändert, werden sich die Prioritäten in der Gesellschaft und damit auch der Politik nicht ändern und werden alle Finanzleistungen wenig ändern.
Wir müssen die Familienpolitik in das Zentrum unserer Gesellschaftspolitik und unserer Zukunftspolitik stellen. Wir müssen die Frage was Familien, was Kinder, aber auch die Familien im Sinne der gesamten Spanne der Generationen, für ihr Zusammenleben und für ihre Lebenssituation brauchen, ebenso in unser Denken integrieren, wie dies im Umweltschutz gelungen ist. „Familienverträglichkeit“ ist nicht weniger wichtig als „Umweltverträglichkeit“.
Ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der Umweltpolitik war der Wechsel von der Reparaturabteilung (z. B. nachgeschaltete Reinigungsanlagen) in die Planungsabteilung. Umweltschutz als integrierter Auftrag bei der Planung von Produkten, Verkehrssystemen, Bauleitplanung usw.
Das muss auch für die Familienpolitik als umfassende Querschnittsaufgabe für alle Lebensbereiche das Ziel sein!
Wenn es uns gelingt, dieses Denken für die Familien ebenso in unser Planen und Handeln zu integrieren, werden wir ungeahnte kreative Kräfte freisetzen und eine entscheidende Veränderung für die Situation der Familien und damit vor allem auch für die Kinder in der modernen Gesellschaft erreichen.

Wir brauchen eine grundsätzliche Debatte über die Bewertung der familienpolitischen Leistungen. Das zeigte sich drastisch in den Artikeln und Debatten über den „Nutzen familienpolitischer Leistungen“ zu dem Bericht der Bundesregierung über die familienpolitischen Leistungen. Der Spiegel fabulierte vom „200-Milliarden-Irrtum“. Dabei müssen wir uns als erstes die Frage stellen: Was sind denn unsere Maßstäbe für die Beurteilung und Bewertung familienpolitischer Leistungen?
Die Zahl der Kinder? Die Zahl der berufstätigen Mütter? Die Zahl der Kita-Plätze?
Was macht den Wert einer Familie für den Menschen und für die Gesellschaft aus?
Solche Kosten-Nutzen-Positionen eröffnen auch eine erschreckende Perspektive. Wir sind auf dem Weg, den Menschen zunehmend und beinahe oft schon ausschließlich an seinem gesellschaftlichen Nutzen zu bewerten. Bei solchen Gutachten ist auch kritisch zu fragen, aus welchem Fach die Gutachter kommen. Wo sind neben den Ökonomen die Disziplinen aus den Lebenswissenschaften?
„Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ (Art. 6 GG).
Wir brauchen eine grundsätzliche Debatte über die lebenspraktischen Konsequenzen dieses Auftrages für die Politik, für unsere Gesellschaft und die Organisation unseres Zusammenlebens, für die Arbeitswelt. Dies ist ebenso wichtig, wie die normative Debatte über Sinn und Konsequenz dieser Norm unseres Grundgesetzes im Hinblick auf die Forderung „Ehe für alle“ und „Homo-Ehe“. Darüber ist eine eigene und sehr sorgfältige Diskussion ohne Zeitdruck und jenseits der Klischees modern oder konservativ notwendig.
Mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz sind die gesetzlichen Regelungen und Absicherungen geschaffen worden, die für eine verbindliche Verantwortungsgemeinschaft wichtig sind. Damit haben diese Partnerschaften auch einen staatlich gesicherten und anerkannten Status in der Gesellschaft. Sollte es weiteren Regelungsbedarf geben, muss dies geschehen.
Diskussionen und Umfragen zeigen, dass mit der Forderung „Homo-Ehe“ und „Ehe für alle“ tiefgreifende Fragestellungen verbunden sind.
Worin besteht die Diskriminierung, wenn solche Lebenspartnerschaften nicht den Status der Ehe erhalten, aber alle notwendigen rechtlichen Regelungen für die Verantwortungsgemeinschaft gegeben sind?
Ist das Argument, dass die Gerechtigkeit die Gleichheit der gesetzlichen Regelung verlangt und alles andere Diskriminierung ist, inhaltlich tragfähig – oder wird Ungleiches in die Gleichheit gepresst?
Wichtige Fragestellungen im Hinblick auf die Kinder müssen gründlich erörtert werden. Warum wird zum Beispiel der Mangel an Männern in Kindergärten und Grundschulen als ein Defizit für die Kinder geschildert, weil die Erfahrung mit den unterschiedlichen Prägungen der Geschlechter fehlt, dies bei der Debatte „Ehe für alle“ belanglos ist.
Wie ist es um den Anspruch der Kinder auf die Information über ihre biologischen Eltern bestellt?
Welche Konsequenzen haben die Berichte über die Rolle von Leihmüttern im Auslandbei der Adoption von Kindern durch männliche Lebenspartnerschaften?
Dies sind Beispiele für wichtige Fragestellungen, die ohne Vorurteile, ohne moralische Abwertung, ohne Diskriminierung – aber eben auch gründlich und sorgfältig erörtert werden müssen. Für Eile gibt es keinen zwingenden Grund!
Nur so ist gerade bei diesem Thema eine konstruktive Entwicklung, sind Entscheidungen ohne schwere Verwerfungen und Spannungen in unserer Gesellschaft möglich.

Alois Glück
Der Autor war bis November 2015 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Von 1970 bis 2008 Mitglied des Bayerischen Landtages.
Vorsitzender Grundsatzkommission der CSU für die Erarbeitung des geltenden Grundsatzprogrammes von 2007.

Das Interview finden Sie im Bayernkurier Heft Nummer 6

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