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Erschienen in Ausgabe: No 119 (01/2016) Letzte Änderung: 07.01.16

BEGEGNUNG DER KULTUREN - Eine kleine Kabinett-Ausstellung zum Thema Flucht und Vertreibung und ihre religiöse Dimension in kostbaren Büchern und Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek

von Anna Zanco-Prestel

Kein „civilization clash“, sondern das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen ist das Thema einerkleinen Ausstellung, die die Bayerische Staatsbibliothek in diesen Tagen in ihrer Schatzkammer präsentiert. Anlass dafür ist die Adventszeit, die sich in diesem Jahr in einem etwas veränderten Licht zeigt, so sehr die Menschen das Schicksal flüchtender Menschen aus dem Nahen Osten und aus der südlichen Hemisphäre stets vor Augen halten. Flucht und Vertreibung, Heimatverlust und Leid infolge kriegerischer Auseinandersetzungen gab es zu allen Zeiten und lassen sich gleichzeitig auch in der religiösen Überlieferung zurückverfolgen, angefangen beim biblischen Bezug auf die Flucht der Hebräer aus Ägypten.
Mit einer auf kolorierten Holzschnitten dargestellten „Terra Sacta“ vom Jahre 1486 beginnt die „Peregrinatio“, die den Besucher auf einer „Pilgerreise“ durch Jahrhunderte und fremde Länder führt, die Unterschiede, Überschneidungen und Gemeinsamkeiten offen legt, welche die verschiedenen Kulturen gekennzeichnet haben.
Eine 1478 datierte hebräische Handschrift der Haggadah (Text, der beim Festmahl am Seder-Abend gelesen und gesungen wird)gesellt sich - in dem suggestiv verdunkelten Raum der BSB - zu einem Koran in Östlichem Kufi vom späten 11. Jahrhundert und zu einem Doppelblatt aus der seit 2003 zum Weltkulturerbe gehörenden Ottheinrich-Bibel aus Regensburg vom Jahre 1430 zugleich. Drei Bände von unschätzbarem Wert, die die Darstellungsmöglichkeiten verdeutlichen, welche die drei monotheistischen Religionen zuließen. Eine kostbare Miniatur zeigt in der jüdischen Schrift die durch den Bau eines Turmes symbolisierte Fronarbeit der Israeliten in Ägypten, während eine für unsere Sensibilität hochmoderne „monumentale“ Kalligraphie Arbeit die aufgeschlagene Seite des aus dem Iran stammenden Korans füllt. Eine auf goldenem Hintergrund illuminierte Anbetung des Jesuskindes im Stall von Bethlehem entfaltet schließlich ihre ganze Pracht in einer künstlerischen Darlegung, die sich an keinem Bildnisverbot halten musste. Bildnisverbot, das – wie man sieht – nicht immer und überall gleich in dem Islam streng gehalten wurde, wie die eindrucksvollen Miniaturen mit Engeln als „lichten, durchsichtigen Gestalten“ in der Darlegung der irdischen und himmlischen Welt aus dem Irak vom Jahre 1280, die unter dem Namen Die Wunder der Schöpfung berühmt wurde. Das gleiche gilt für die „imaginativen Bilder“ der Schatzkammer der Geheimnisse genannten Handschrift nach den Gedichten des persischen Dichters Nizami von 1579, die auch die farbigen Illustrationen der Pentalogie Shiraz (1550-1600) inspiriert haben, oder auch für die zwischen 1560 und 1750 entstandene illustrierte Niederschrift des iranischen Nationalepos Schahname.
Alle Exponate, die einen Einblick in die unvergleichliche Vielfalt gewähren, die den Reichtum der in der BSB aufbewahrten Schätze ausmacht, wo sie eine neue und sichere Heimat gefunden haben. Dorthin gelangten sie selbst - u. a. auch aus Armenien oder aus Syrien - nach einer langen Wanderung, die für die meisten mit einer wechselvollen Fluchtgeschichte verbunden war. So z.B. der Koran aus Sevilla von 1227, der nach der Rückeroberung aus Spanien von muslimischen Flüchtlingen nach Nordafrika gerettet, anschließend in Tunis von Truppen von Karl V. erbeutet wurde und später in den Besitz von Johann Albrecht von Widmannstetter geriet, dem Vater der Orientalistik, dessen umfangreiche Sammlung den Grundstock der BSB bildet. Seine eigenhändigen Glossen am Rande des Buches zeugen beispielsweise von der Auseinandersetzung mit dem Islam während der Reformation.
Die Gestalt Widmannstetters rückt somit zu Recht in den Mittelpunkt der faszinierenden Schau, was auch als Einladung gilt, sich eingehend mit dem Lebenswerk dieses großen Humanisten und Wissenschaftlers der Renaissance zu beschäftigen, dem Bayern viel zu verdanken hat.
Noch zu sehen am Montag, 21.12. und Dienstag, 22.12. jeweils 13-17 Uhr
in der Bayerischen Staatsbibliothek – I. Stockwerk
Eintritt frei
Hierzu:
Johann Albrecht von Widmanstetter
zum 450. Geburtstag
Art-Doku-Film v. Angelika Weber
Omnis Terra DVD-Collection
www.viacom-media.de

Bild

"Anbetung des Jesuskindes" aus der Ottheinrich-Bibel. Bildnachweis: Bayerische Staatsbibliothek.

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