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Erschienen in Ausgabe: No 119 (01/2016) Letzte Änderung: 07.01.16

Drei Küsschen für den Erler Bachtrompeter

von Hans Gärtner

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Gustav Kuhn kann seinen Pressemann Alexander Busche nur loben. Im Programmheft zur Aufführung von J. S. Bachs „Weihnachtsoratorium“ am Mittag des vierten Adventsonntags im Winter-Festspielhaus zu Erl schreibt Busche nicht etwa die ganze Historie des populärsten geistlichen Konzerts zur Geburt Christi auf und langweilt damit die Leser. Vielmehr zitiert er aus einem nicht datierten Interview seines Brotgebers mit dem ORF Tirol. Darin hob Gustav Kuhn, der als Tiroler Festspiel-Chef für bis nach China reichende spektakuläre Wagner-Produktionen bekannt wurde, J. S. Bach in den Musik-Himmel als den „Allerheiligsten“ und, mit Mozart, einen der „großen Fixsterne“.

„Wir öffnen die Klammer zum Weihnachtsfest und darüber hinaus zu den musikalischen Höhepunkten der am 26. Dezember beginnenden Festspiele. Wir zeigen überhaupt, dass Bach die geistige Klammer der Musik schlechthin ist“ und „spielen das Weihnachtsoratorium – als Vorbote zu den Winterfestspielen …“ Kuhn, der das dem ORF sagte, hält viel von Traditionen, wozu längst schon das „Weihnachtsoratorium“ in allen 6 Teilen (mit zwei Pausen) als „Geschenk an unsere Besucher, aber auch an uns selbst“ zähle.

Dass Meisterkoch Kuhn zu dieser Leckerei nur gute „Zutaten“ wählt, versteht sich von selbst: eine von Ljudmila Efimova und Jan Golubkow bestens präparierte Chorakademie und sein, mit Orgel und Cembalo kompetent besetztes, keineswegs nur auf Wagner getrimmtes, sondern flexibles und instrumentalsolistisch respektables Orchester der Tiroler Festspiele Erl, aus dem Kuhn unter dem Schlussbeifall des nahezu voll besetzten, akustisch ausgezeichneten Hauses den Bachtrompeter auswählte, um ihm drei Küsschen auf Stirn und Wange zu drücken – die hätten durchaus auch Sologeiger und Solofagottist, auch die beiden Hornisten, verdient.

Kuhn hält rein gar nichts von einer auch nur kompromissmäßig zu erzielenden sogenannten historischen Aufführungspraxis. Den heftigen, manchmal („Herrscher des Himmels …“) auch zu hart und schneidend geratenen Jubelchören lässt er seinen Lauf, bringt sie aber auch zu pianissimo-Kniefällen vor dem „Jesulein, mein Leben“. Bedauert wird das Fehlen von Kinder-Stimmen. Noch so zurückhaltend geradlinig singende Soprane können deren Charme nicht ersetzen.

Vor allem mit der Wahl des Tenors Johannes Chums hatte Kuhn Glück: ein nobler Erzähler und mit hörbarer Leichtigkeit der vertrackten Läufe etwa in der Nummer 41 agierender Arien-Sänger. Svetlana Kotina nützte erfolgreich ihre Chance, sich in die vorderen Reihen der Bach-Alte zu singen. Mit Frederik Baldus, Bassbariton und der Sopranistin Joo-Anne Bitter bildeten Chum und Kotina ein passables Solistenquartett.

In der 3. Ausgabe seiner Opernzeitschrift „Marfa“ spricht Alexander Busche dem Musikgenie Gustav Kuhn „volles Engagement“ und „nicht enden wollende Energie“ in einer „weltweit geschätzten Kulturlandschaft“ zu. In diese Bewunderung eines immerhin schon 70-Jährigen, der vom Clavichord-Stuhl aus das Bach`sche „Weihnachtsoratorium“ mit großem Aplomb, zügig, stets auf Präzision bedacht und den längsten Choral „Ehre sei dir Gott“ geradezu tänzelnd dirigierte, stimmte die mit herzlichem Beifall dankende Zuhörerschaft ein.

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