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Erschienen in Ausgabe: No 120 (02/2016) Letzte Änderung: 12.02.16

„Unter Druck! Medien und Politik“ - Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

von Constantin Graf von Hoensbroech

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„...dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen...“ Gleich mehrfach spricht Christian Wulf vom Krieg, schließlich war ja für ihn und seine Frau der „Rubikon überschritten“. Es war im Jahr 2011, als der damalige Bundespräsident mit solchen telefonischen Aussagen den Anrufbeantworter des damaligen Chefredakteurs der ,Bild‘-Zeitung, Kai Diekmann, unter Druck setzte – oder zu setzen versuchte. Denn Wulf, damals auf Auslandsreise am Persischen Golf und mit seiner Frau Bettina zu besseren Zeiten ein beliebtes und auch willfähriges Sub- und Ojekt medialer Inszenierung, wollte mit seiner Intervention wenige Stunden vor Druckbeginn einen Beitrag des Boulevardblatts verhindern, dessen für ihn unbequeme Veröffentlichung der Ausgangspunkt für eine nahezu einhellige Medienberichtertattung wurde, die ihn schließlich selbst so unter Druck setzte, dass er 2012 vom Amt des Bundespräsidenten zurücktrat. Zwei Jahre danach bezeichnete Wulf seine Nachricht für den Chefredakteur auf dem Mobiltelefon – es wird in Bonn ausgestellt - kleinlaut als eine „Riesendummheit“. Wer sich in der aktuellen Sonderausstellung im Bonner Haus der Geschichte die Telefonansage von Wulf im Original anhört, wird da wohl kaum widersprechen. Zu offensichtlich ist der Angriff oder versuchte Eingriff des ehemaligen Staatsoberhaupts auf die im Artikel 5 des Grundgesetzes festgeschriebene Pressefreiheit.
Ironie der Mediengeschichte: Ausgerechnet das vom Springer-Verlag herausgegebene Boulevardblatt ,Bild‘ bekam für ihre Recherchen und Veröffentlichungen über Wulffs Umgang mit der Wahrheit den bedeutendsten deutschen Journalistenpreis, den Henri-Nannen-Preis. Und ausgerechnet einige der Medien, die hinter dem von ,Bild‘ gesetzten Thema hinterhergelaufen waren, weil sie Sorge hatten, das Thema sonst zu verpassen, mokierten sich dann über diese Preisvergabe.
Die hier nur kurz skizzierten Vorgänge um Aufstieg und Fall des ehemaligen Bundespräsidenten sowie das Verhalten der Presse zeigen zahlreiche Facetten über die Rolle der Medien und Politik einerseits,andererseits über das Verhältnis der Medien und Medienschaffenden untereinander auf. Am Ende des höchst lehrreichen Rundgangs durch die Sonderausstellung „Unter Druck! Medien und Politik“ stellt sich die Frage: Wer beeinflusst hier eigentlich wen (mehr)? Anhand von rund 900 Exponaten, darunter auch viele gut zusammengestellte Bild- und Tondokumente, beschreibt die Schau, wie Presse, Hörfunk, Fernsehen und immer mehr auch die sogenannten sozialen Netzwerke zur Meinungsbildung beitragen, Diskussionen anstoßen, politische Botschaften transportieren und kommentieren. Dass die Rolle der Medien als vielzitierte vierte Gewalt im Staate dabei ambivalent wahrgenommen wird oder auch werden kann, zeigt wiederum der Fall Wulf. Die Medien haben hier Informationen geliefert und grundsätzlich zur Meinungsbildung beigetragen, wurden vielfach aber auch selbst zu handelnden Akteuren im politischen Raum.
Diese journalistische Doppelrolle beschäftigte bereits vier herausragende Medienschaffenden der jungen Bundesrepublik, die im zweiten Ausstellungsraum auftreten: Rudolf Augstein, Henri Nannen, Axel Springer und Marion Gräfin Dönhoff (1909 bis 2002). Die einstige Mitherausgeberin der Wochenzeitung ,Die Zeit‘ fragt da treffend nach dem „Kompass der Journalisten“und stellt diesen „auf präzise Recherchen, Erforschung der Tatsachen, Gewissensprüfung und das Gemeinwohl“ ein. Im Osten Deutschlands war diese zeitlos gültige Anforderung an das journalistische Handwerk gleichsam als Gegenentwurf pervertiert worden. „Unsere Presse – die schärfste Waffe der Partei“, heißt es da mit einem SED-Zitat aus dem Jahr 1950 in einem eigens in die Ausstellung integrierten, ganz in Rot gehaltenen Raum, der sich dem Verhältnis von Medien und Politik in der DDR widmet. Das erinnert fatal an den Hinweis des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels, der die „Presse als Mitarbeiter der Regierung“ vereinnahmte. Mit Karl-Eduard von Schnitzler hatte die DDR zudem einen Journalisten, der besonders willfährig im Sinne des Staatsapparats gegen die Bundesrepublik Deutschland und den Westen geradezu fanatisch agitierte. In seiner Sendung „Der schwarze Kanal“ kommentierte er von 1960 bis Oktober 1989 (!) Ausschnitte aus dem westdeutschen Fernsehen im Sinne der Staatspartei SED getreu dem Motto „Der sozialistische Journalist ist Parteifunktionär“.Auch hier wieder eine Ironie der Mediengeschichte am Rande: Bei den meisten Ostdeutschen war von Schnitzler verhasst. Auf Transparenten während der ,friedlichen Revolution‘wurde das unter anderem deutlich, wie die Ausstellung dokumentiert.
Ein besonderes Feindbild hatte von Schnitzler in Axel Springer gefunden, der sein Verlagshaus bewusst und weithin sichtbar direkt an die Mauer gebaut hatte, die Berlin teilte. Heftiger als die staatlich verordnete ostdeutsche Propaganda fielen aber die zum Teil gewalttätigen westdeutschen Proteste in den 1960er Jahren gegen diese Verlegerpersönlichkeit aus. In Bonn wird ein differenziertes Bild Springers gezeichnet und auch die vier Grundsätze dokumentiert, auf die Springer seine Redakteure verpflichtete: Eintreten für die Wiederherstellung der deutschen Einheit; Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden; Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus; Verteidigung der Sozialen Marktwirtschaft. Ist oder war dies protestwürdig? Wiederum ist es ein Zitat von Christian Wulf aus dem vergangenen Jahr, mit dem er diesen offenbar nach wie vor reflexartig bestehenden Protest gegen den visionären, allerdings längst verstorbenen Verleger bedient: „In der Wahl der Mittel zu meiner Bekämpfung kannte Springer kein Pardon.“
Demokratie und Diktatur, Markt- und Meinungsmacht sowie Wandel der Öffentlichkeit sind die Schlagworte, die die Ausstellung gliedern und Ereignisse wie die ,Spiegel‘-Affäre, die polarisierenden Diskussionen um die Reform des Abtreibungsparagraphen 218 in den 1970er Jahren, in der auch die Katholische Kirche ein herausragender Protagonist gewesen ist, oder etwa die Rolle der sogenannten neuen Medien bei der Untersuchung von Doktorarbeiten auffächern. So wurde im Internet dazu aufgerufen, die Dissertation des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg zu überprüfen. Dies hat letztlich entscheidend zur Aberkennung des Doktortitels und Verlusts seines Ministeramtes beigetragen. Guttenberg blieb nicht allein. Die Plagiatsjäger entlarvten über das Netz weitere Plagiatoren. So wurde auch der Bundesbildungsministerin Annette Schavan nach Überprüfung der zuständigen Universität deren Promotion mit dem bezeichnenden Thema „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ aberkannt. Ausgerechnet Schavan. Genüsslich erinnerten einige Medien daran, dass sie sich besonders über Guttenbergs Plagiat echauffiert hatte: „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich.“
Neben solchen Aspekten beleuchtet die mitunter etwas zu ,Bild‘-lastige Ausstellung noch zahlreiche weitere Themen, Kampagnen und Facetten der deutschen Mediengeschichte und weitet damit das etwas eng gefasst anmutende Thema „Medien und Politik“ als ein gesellschaftliches. Außer vielen anderen Beispielen seien etwa die Proteste gegen Adenauers restriktives Pressegesetz im Jahr 1952, die Gründung des ZDF als Gegenmodell zur ARD, die politischen Satiremagazine, der Beginn des Privatfernsehens, medial inszenierte Duelle der Kanzlerkandidaten oder der Nebenparlamentarismus in den zahllosen Diskussionsrunden im Fernsehen erwähnt. Die Besucher können übrigens über die Frage abstimmen: „Tragen politische Talkshows zur politischen Meinungsbildung bei?“Grundsätzliche Fragen, etwa nach dem journalistischen Selbstverständnis oder Arbeitsmethoden wie der Spielart des investigativen Journalismus bis hin zu verheerenden Recherchefehlern, aber ebenso nach der Medienkompetenz an sich, nach journalistischer Unabhängigkeit, nach dem zwiespältigen Verhältnis von Journalismus und Politik in einer freiheitlichen Gesellschaft oder nach den „Medien als bellende Wachhunde der Demokratie“ (Ephraim Kishon) stellen sich bei diesem Gang durch rund 70 Jahre deutscher Mediengeschichte immer wieder neu.
Bis 17. April, Eintritt frei
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Willy-Brandt-Allee 14, Bonn
dienstags bis freitags 9 bis 19 Uhr, samstags, sonntags und feiertags 10 bis 18 Uhr

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