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Erschienen in Ausgabe: No 121 (03/2016) Letzte Änderung: 02.03.16

Leipzig ist unerschöpflich -
Zum 90. Geburtstag Erich Loests

von Jörg Bernhard Bilke

Am 24. Februar trafen sich in Leipzig-Gohlis die engsten Freunde Erich Loests, um des Autors 90. Geburtstag zu feiern. Am Vormittag wurde die dortige Bibliothek nach Erich Loest (1926-2013) benannt, der sich am 12. September 2013 aus dem zweiten Stock des Leipziger Klinikums in den Tod gestürzt hatte. Abends fanden Lesungen in der Bibliothek statt. Die Freunde Erich Loests trafen sich anderswo, dort, wo 2006 der 80. Geburtstag gefeiert wurde, in der „Villa Ida“.

Drei Jahre nach seinem Tod darf man fragen, was bleiben wird von seinem umfangreichen Werk, dessen wertvollerer und diskussionswürdiger Teil nach siebenjähriger Haft im Zuchthaus Bautzen II geschrieben wurde. Da gibt es den Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“, der nach langwierigen Kämpfen gegen die Zensurbehörden 1978/79 in zwei Auflagen von insgesamt 19 000 Exemplaren erscheinen konnte, was den Bedarf der Leser (95 000 Vorbestellungen) in keiner Weise befriedigte. Nicht zuletzt das Schicksal dieses Romans, das der Autor später in seinem Buch „Der vierte Zensor. Vom Leben und Sterben eines Romans in der DDR“ (Köln 1984) eindringlich beschrieben hat, führte zu seiner Ausreise von Leipzig nach Osnabrück am 31. März 1981.

Im Reisegepäck hatte er damals das Manuskript eines autobiografischen Buches, das noch 1981 in Hamburg unter dem Titel „Durch die Erde ein Riss“ erschien. Dieses Buch, in dessen Zentrum die Bautzener Jahre stehen, hätte in Halle oder Ostberlin nie erscheinen können, auch seine letzte Erzählung „Wäschekorb“ (2009) nicht, wo er die Lebensgeschichte zweier Leipziger aufblättert, beide geboren im Arbeiterviertel des Leipziger Ostens, beide mit authentischen, nicht fiktiven Lebensläufen, beide noch vor DDR-Gründung 1949 ins russische Arbeitslager Workuta am Eismeer verschleppt, von wo sie 1956 entlassen werden.

Bleiben werden auch sein Leipzig-Roman „Völkerschlachtdenkmal“ (1984), worin er der Stadt, in der er seit 1950 lebte, ein literarisches Denkmal setzte, und der Roman „Sommergewitter“ (2005), der dem Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 gewidmet war. Diese überzeugende Auseinandersetzung mit dem Aufstand, seiner Vorgeschichte und seinen Folgen war ein Gegenentwurf zu einer Unzahl von DDR-Texten, die unter der politischen Prämisse „konterrevolutionärer Putschversuch“ standen.

Dass Erich Loest auch ein begabter Journalist war, zeigen die im Sammelband „Als wir in den Westen kamen“ (1997) veröffentlichten Texte. Unter den rund 50 Beiträgen ist einer vom Herbst 1990 besonders hervorzuheben „Stasi-Suppe zu Wachtelbrüstchen“. Es ging um eine Einladung der neuen Bundestagsmitglieder aus dem Beitrittsgebiet DDR in das Gästehaus Petersberg hoch über dem Rhein, die der Bonner Oberbürgermeister Hans Daniels (CDU) ausgesprochen hatte. Ehrengast sollte der seit 1987 in Bonn wohnende Erich Loest sein, der nun befürchten musste, am Tisch des Leipziger PDS-Abgeordneten Dr. Dietmar Keller platziert zu werden, der zu DDR-Zeiten als „inoffizieller Mitarbeiter“ den oppositionellen Schriftsteller Erich Loest im Auftrag der „Staatssicherheit“ überwacht hatte. Genosse Keller war damals Sekretär für Kultur der SED-Bezirksleitung gewesen und nicht unschuldig an der Ausbürgerung Erich Loests 1981. Sollte er ihm neun Jahre später am Rhein zuprosten? Erich Loest sagte die Einladung ab: „Der Bissen würde mir im Halse stecken bleiben!“

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