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Erschienen in Ausgabe: No 121 (03/2016) Letzte Änderung: 02.03.16

Deutsche Literatur aus Mähren - Marie von Ebner-Eschenbach zum 100.Todestag

von Jörg Bernhard Bilke

Den älteren Lesern im deutschen Sprachraum dürfte die Erzählung „Krambambuli“ (1883) noch aus der Schulzeit bekannt sein. Es ist die anrührende Geschichte eines Jagdhundes, der sich zwischen zwei Herren, einem Wilderer und einem Berufsjäger, nicht entscheiden kann. Diese höchst spannende Erzählung, fünfmal verfilmt, ist der bekannteste Text aus dem reichen Prosawerk der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916).
Die berühmte Autorin, die zum 150. Geburtstag 1980 mit einer Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost geehrt wurde, entstammte böhmischem und deutschem Adel. Ihr Vater Franz Baron von Dubsky, der 1843 in den Grafenstand erhoben wurde, war römisch-katholisch, ihre Mutter Marie von Vockel, war die Tochter sächsisch-protestantischer Eltern. Sie starb wenige Tage nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter, ihres siebten Kindes. Maries zweite Stiefmutter war hochgebildet und förderte die literarische Begabung ihrer Stieftochter auf jede erdenkliche Weise. In der Bibliothek ihrer verstorbenen Großmutter auf Schloss Zdislawitz in Mähren bekam die lesehungrige Halbwaise weitere Anregungen.
Im Revolutionsjahr 1848 heiratete Marie von Dubsky ihren Vetter Moritz von Ebner-Eschenbach (1815-1898), der aus einer mährischen Seitenlinie des Nürnberger Patriziergeschlechts Ebner von Eschenbach stammte. Die Braut war gerade 18 Jahre alt, der künftige Ehemann aber schon 33. Als er um die junge Verwandte warb, war er bereits Absolvent der Ingenieurakademie in Wien, seit 1837 Ingenieurleutnant und seit 1840 Professor für Chemie und Physik an der Akademie. Zugleich war er Militärschriftsteller und geachteter Erfinder in militärischen Anwendungsgebieten der Elektrizität. Schon 1874 wurde er, im Alter von 59 Jahren, in den Ruhestand versetzt und zum Feldmarschalleutnant befördert.
Das Ehepaar, das kinderlos blieb und somit 1898 im Mannesstamm ausstarb, lebte bis 1850 in Wien und danach bis 1856 in Klosterbruck bei Znaim in Südmähren, wohin die Ingenieurakademie verlegt worden war. Nach der Rückkehr aus der Provinz nach Wien blieb Schloss Zdislawitz in Mähren Zweitwohnsitz, wo Marie von Ebner-Eschenbach, die am 12. März 1916 in Wien gestorben war, auch in der Familiengruft der Dubskys beigesetzt wurde. Das Mausoleum freilich ist heute nicht mehr zugänglich. Auf Schloss Zdislawitz gibt es auch, anders als in Wien, keine Gedenktafel für die berühmte Dichterin, die im Jahr 1900 als erste Frau überhaupt mit dem Ehrendoktorat der Universität Wien ausgezeichnet wurde. Das Schloss Zdislawitz ist heute dem Verfall preisgegeben.
Ihre frühen Dramen wie „Maria Stuart in Schottland“ (1858) fanden wenig Aufmerksamkeit, erst ihre Erzählung „Bozena“ (1876), die im angesehenen Verlag Cotta in Stuttgart erschien, machte ihren Namen bekannt, und unter den fünf „Dorf und Schlossgeschichten“ (1883) war auch die Novelle „Krambambuli“, die noch heute gelesen wird.
Als das bedeutendste Werk gilt der gesellschaftskritische Roman „Das Gemeindekind“ (1887), der auch Adel und Kirche nicht verschonte; er wurde in mehrere Sprachen übersetzt (Neuausgabe bei Reclam, Stuttgart 1985). Es ist die Geschichte des jungen Tschechen Pavel Holub, dessen Vater wegen Raubmords am Strang endet und dessen Mutter für zehn Jahre ins Gefängnis kommt. Er, der auf Kosten der Dorfgemeinde aufwächst, setzt sich schließlich gegen alle Vorurteile durch und wird ein geachteter Mitbürger. Wer etwas über eine Kindheit in Mähren im 19. Jahrhundert erfahren möchte, sollte zu Marie von Ebner-Eschenbachs autobiografischem Buch „Meine Kinderjahre“ (2006) greifen, das in einer Neuausgabe (Berlin 2015) vorliegt.

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