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Erschienen in Ausgabe: No 124 (06/2016) Letzte Änderung: 10.06.16

So ein Spaß! - David Bösch feiert das Tieftragikomische in Wagners „Meistersingern“ an der Bayerischen Staatsoper

von Hans Gärtner

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Wie auch das Leitergefährt heißen mag, das Fensterputzern dient, um auch in schlecht erreichbare Schmutzscheibenhöhen zu gelangen – es taugt in der Neuinszenierung von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ an der Bayerischen Staatsoper dem ehrgeizigen Sixtus Beckmesser (umwerfend tragikomisch: Markus Eiche) dazu, wenigstens physisch an die Spitze seiner Verstiegenheit zu gelangen. Er scheitert elendiglich. Das ist nur eine von David Bösch (Regie) und seinem Team (Patrick Bannwart, Szenenbild; Meentje Nielsen, Kostüme) angewandte Metapher, um das Tieftragikomische an Wagners Werk am Ort seiner Uraufführung (1868) herauszuarbeiten, es bisweilen ins Groteske zu steigern. Wie die dritte von vier Folgeaufführungen der (lange Pausen bietenden) sechsstündigen Oper schloss, so endete auch die vom BR live übertragene Premiere am 16. Mai: mit tosendem Applaus für den überwältigend perfekten Dirigenten Kirill Petrenko, für das durch rigoros-liebevoll konsequente Anleitung und kultiviertes Einbremsen der – so ein Spaß! – geradezu überbordenden Festwiese bravouröse Solistenensemble, für den taffen Staatsopernchor und das in den narrativen Strecken fein abstufende, in dominanten Bläser- und bewegenden Tutti-Passagen (Vorspiel zum 3. Aufzug) hinreißend reagierende Staatsopernorchester.

GMD Petrenkos vielfach Hör-Neuland eröffnendes jüngstes Staatsopern-Dirigat übersteigt die Norm um nur schwer in Worte zu fassende Größen: Grundgewalt des Melodischen, Stimmklarheit und logisch-witzige Abfolge des musikalisch-spinösen Geniestreichs Richard Wagners, der gerade in dieser Inszenierung dem Optischen keineswegs lediglich dient, sondern es total steuert. Das Komödiantische lebt bei Bösch/Petrenko – teilweise bis zum Zerreißen überspitzt – nur auf, indem es vom Tragischen ins Mark „getroffen“ wird. Der „Merker“-Geck Beckmesser, der noch in keiner Rollendeutung so stark als seelisch kranker „Held“ zu erleben war, gehört alle Sympathie: der Verrückt-Ehrgeizige scheitert und blutet derart aus, um sich am Ende, man will`s nicht wahrhaben, die Kugel zu geben. Bösch rundet die Figuren des pittoresk-schauerlichen Wagner-Welttheaters, dass einem der Atem stockt.

Nur plausibel, dass Bösch/Petrenko sich für ein, nicht ganz fragloses, Ansiedlungs-Szenario entschieden haben, das in die 1950/60er-Jahre weist: Hans Sachs, der in Nürnberg um 1500 dichtende Schuhmacher, lebt, strebt und besingt den duftenden Flieder in einer Art wohn-mobilen Schusterei. Der wuchtige Bariton Wolfgang Koch gibt ihn als weisen, Wahn und Weh beklagenden Altriesen, dem die Zuneigung des sich in der ausufernden Prügel-Szene das Mütchen kühlenden Volkes gehören („Hans, wir lieben dich“), von den Lehrbuben, angeführt vom tapsig in Magdalene (Okka von der Damerau) verliebten David (wunderbar verquer und brillant bei Stimme: Benjamin Bruns) bis hin zur dreiseitig umworbenen Super-Tochter Eva (zupackend mit roter Mähne: Sara Jakubiak) des stinkvornehmen Goldschmieds und Meisters Veit Pogner (respektabel sonor, jung und fesch: Bass Christof Fischesser).

Dass alle Aufführungen der neuen Münchner „Meistersinger“ (das tolle Programmbuch führt einige lebende „Exemplare“ dieses gar nicht seltenen Genres vor) ausverkauft waren, lag wohl an Publikumsliebling Jonas Kaufmann (s. Foto). Er sang erstmals in einer szenischen „Meistersinger“-Produktion. Und gewann, nicht ohne Anstrengung beim Preislied, mit seiner alte Zöpfe und Gipsköpfe kappenden jugendlich nonchalanten Revoluzzer-Version des fränkischen „Ritters“ Stolzing die Herzen rundum. Sein bewundernswert ökonomisch-tenorales Agieren ließ den lyrischen Momenten viel Raum. Der sich unbeirrt an der Spitze seines Metiers haltende Softy-Held suchte in Böschs Konzept mit der „Pogner`schen“ im Flitterregen das Weite. Was sollten die paar Buhs am Ende der freilich überdrehten, aber in summa gekonnt Wagners Plädoyer fürs künstlerisch Emotionale feiernde Inszenierung?

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