Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 124 (06/2016) Letzte Änderung: 10.06.16

Warum wir die Fluchtursachen bekämpfen müssen und nicht die Flüchtlinge!

Glaubt man manchen aktuellen „Asylkritikern“, haben wir es in der aktuellen Flüchtlingspolitik gerade mit einem Ausnahmezustand zu tun. Diese ist jedoch nicht mit Abschottungspolitik und Grenzfestungen zu begegnen. Migration ist nicht als Bedrohung zu verstehen, sondern als etwas ganz Normales, was es seit Menschengedenken gibt.

von Michael Lausberg

Der sich in allen Ebenen seit dem Ende des Kalten Krieges durchsetzende Globalisierungsprozess brachte eine größere Heterogenität und Fragmentierung von Weltbildern mit sich und schließt Individuen oder Gruppen unterschiedlicher kultureller Herkunft zu einer Menschheit zusammen.


Kulturen wird dabei als heterogene, dynamische Entitäten betrachtet, was auch auf die in ihr vertretenen Religionen und Philosophien gilt. Ein einheitlicher und statischer Kulturbegriff sowie die Konservierung des jeweiligen gegenwärtigen kulturellen Zustandes gab es niemals, gibt es nicht und wird es auch niemals geben. Zu allen Zeiten fand trotz mancher spannungsreicher Kulturbegegnungen ein interkultureller Austausch statt; die räumliche Annäherung unterschiedlicher Traditionen und Weltanschauungen haben für eine ständige Erneuerung und Anpassung gesorgt.


Interkultureller Austausch als Paradigma

Die zahlreichen politischen, gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Auseinandersetzungen der Vergangenheit und Gegenwart hatten und haben den Hintergrund, dass die jeweiligen politischen Ideologien, Religionen oder Philosophien glauben, allein im Besitz der einen einzigen Wahrheit zu sein. Daher ist eine kulturübergreifende Kommunikation notwendig, die die Ebene zivilisatorischer Koexistenz überschreitet und zur gewaltfreien interkulturellen Verständigung führt:

Zu allen Zeiten ein interkultureller Austausch stattfand, der bis heute andauert und auch die Zukunft prägen wird. Die Geschichte der Ein- und Auswanderung nach bzw. aus Deutschland zeigt eindeutig, dass es immer wieder zu einer Vermischung und Neuschöpfung von Kultur in jeglicher Form gab. Als eines von vielen Beispielen soll hier die Einwanderung der Hugenotten aus Frankreich in der Frühen Neuzeit genannt werden. Gerhard Paul bemerkt richtigerweise: „‘Autochtone‘ Kulturen gibt es nicht. So gibt es keine reine oder ‚wahrhaft‘ deutsche Kultur.“ Das humanistische Bemühen um eine der Menschenwürde und Persönlichkeitsentfaltung entsprechenden Gestaltung des Lebens und der Gesellschaft durch Bildung und Erziehung ist für die Gegenwart von höchst aktueller Bedeutung.


Die Bedeutung von Nationalstaaten schwindet

Nationalstaaten werden in der immer weiter schreitenden Globalisierung immer unwichtiger. Der Glaube an universale Werte und der Respekt vor der Verschiedenheit nicht-westlicher Weltanschauung im postnationalen Zeitalter werden entscheidend sein für die Herausbildung einer gewaltfreien und demokratischen Zukunft sein. Die Weltanschauung des neokonservativen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington, von dem die Theorie des „Clash of Civilisations“ stammt, die von einer homogenen Summe von Weltkulturen und deren unwandelbaren Eigenschaften ausgehend einen „Kampf der Kulturen“ prognostiziert, entbehrt den Glauben an universale Grundhaltungen und regionalen Verschiedenheiten.


Der Philosoph Kwame Anthony Appiah stellt zu Recht fest „Eine Welt, in der sich Gemeinschaften klar gegenüber abgrenzen, scheint keine ernsthafte Option mehr zu sein, falls sie es denn jemals war. Abtrennung und Abschließung waren in unserer ständig umherreisenden Spezies schon immer etwas Anormales.“

In der Auseinandersetzung mit anderen Lebensformen und Weltbildern kommt es ganz entscheidend darauf an, die eigenen Vorstellungen zurückzunehmen, um die Erfahrungen anderer Kulturen im Kontext ihrer eigenen Ideen zu betrachten. Im Eigenen sollte nicht länger das einzig Mögliche, das schlechthin Wahre und Notwendige gesehen werden. Es existiert eine kulturelle Pluralität, da die Welt des Menschen intern vielfältig dimensioniert und ausdifferenziert ist.


Abschottung ist keine Lösung

Grenzen und Abschottung wie nun in vielen Debatten der „Flüchtlingskrise“ gefordert sind Anormales. Die nochmalige Verschärfung des Asylrechts ist keine Antwort auf weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen. Gerade im Zeitalter der Globalisierung ist Migration etwas Selbstverständliches. Zu allen Zeiten fand trotz mancher spannungsreicher Kulturbegegnungen ein interkultureller Austausch statt, der bis heute andauert und auch die Zukunft prägen wird.

Flucht und Migration sind Folgeerscheinungen von Kriegen, zu deren Entstehung die Bundesrepublik und andere westliche Staaten auch durch Waffenlieferungen beigetragen haben. Es gilt also auf dem Parkett der internationalen Politik für ein Ende der Kriege oder wenigstens einen vorzeitigen überprüfbaren Frieden zu sorgen.

Die Transformationsprozesse seit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus führten dazu, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit in der BRD einer kosmopolitanen Einwanderungsgesellschaft entspricht. Durch globale Öffnungsprozesse mit allen ihren Vor- und Nachteilen verlieren das nationale Denken und die nationalen Grenzen zunehmend an Bedeutung zugunsten einer Weltgesellschaft. Diese neuen Öffnungsprozesse im Zuge der Globalisierung etablieren einerseits neue Ungleichheiten und Machtverhältnisse, was sich an dem augenblicklichen Siegeszug der radikalen neoliberalistischen Politik zeigt. Andererseits eröffnen sich neue Chancen und Möglichkeiten für die Entstehung einer globalen Zivilgesellschaft mit interkulturellem Charakter.


Die Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge

Als weiteres gilt, das was Aydan Ösuguz, Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, bemerkte: „Die EU ist multikulturell, multiethnisch und multireligiös. Unsere Grundwerte verpflichten uns und diejenigen, die bei uns eine neue Heimat suchen. Besonders schutzbedürftige Personen, wie die syrischen Flüchtlinge, sollten bereits im Libanon oder Nordafrika aufgenommen und auf sicheren und legalen Wegen nach Europa gebracht werden. Sie dürfen sich nicht mehr länger in Lebensgefahr begeben, um bei uns Asyl zu beantragen. Der aktuelle Zustrom an Flüchtlingen ist die Folge dramatischer Entwicklungen in unserer Nachbarschaft. Doch die Krisen in den Herkunftsstaaten der Flüchtlinge – wie Bürgerkriege, zerfallende Staatlichkeit, Terrorismus oder Armut – werden wir nicht mit Zäunen an den Außengrenzen der EU oder Patrouillenbooten im Mittelmeer lösen. Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge!“

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück