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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 12.07.16

Der mit dem „Tschick“ berühmt wurde …
… malte auch toll. Das Münchner Literaturhaus beweist es 150mal

von Hans Gärtner

In Berlin, vor einem Jahr, stellte Jens Kloppmann nur ca. zwei Drittel der jetzt im Münchner Literaturhaus zu sehenden Mal- und Zeichenarbeiten Wolfgang Herrndorfs aus. Wolfgang Herrndorf – der Schriftsteller aus Hamburg, der vor sechs Jahren mit dem Roman „Tschick“ über Nacht berühmt wurde. Wer wusste schon, dass sich in ihm ein Maltalent sondergleichen verbarg? „Verbarg“ deshalb, weil Herrndorf vor 3 Jahren seinem Leben ein jähes Ende setzte, nach nur 48 Jahren. „Tschick“, das locker geschriebene, dramatisierte und verfilmte Roadmovie mit zwei ungleichen Schuljungen, kennt heute jedes Kind. Keiner aber weiß, dass derselbe Herrndorf nicht weniger gut malte und karikierte als er schrieb.

Mit der Ausstellung im Münchner Literaturhaus (bis 25. September), die sein langjähriger Leiter Reinhard G. Wittmann noch ankurbelte und betreute, dürfte dieses Manko endgültig auch im süddeutschen Raum vom Tisch sein. Man staunt nicht schlecht, welch hohen Grad an technischem Können, handwerklicher Meisterschaft, an Poesie und Humor, aber auch Bissigkeit und unverhohlener Anklage gegen so manche nichtigen oder aufregenden „politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse“ die Exponate aufweisen.

Der Ausstellungs-Titel „Zitate“ wurde gewählt, weil damit der Literat Wolfgang Herrndorf ebenso gemeint ist wie seine Fähigkeit, als Maler auf Vorbilder zurückzugreifen und diese zu zitieren. Als Buchillustrator und verlässlicher Mitarbeiter der Satire-Zeitschrift „Titanic“ oder des „Tagesspiegel“ berief Herrndorf sich oft genug auf die von ihm bewunderten „Alten Meister“, auf die Holbeins und Vermeer, die Cranachs oder Donatello, insbesondere aber auf die Niederländer. „Nicht jedes Bild ist so ohne weiteres zu entziffern“, gesteht der Kurator.Was damit zusammenhinge, dass sie meistens heute schon vergessene zeitgeschichtliche Bezüge anprangern und sie gehörig verfremden. Kloppmann muss bedauern, nicht lauter Originale zeigen zu können. Viele davon seien unauffindbar, einfach verloren gegangen. Gottlob gebe es Kopien und Fotos, mit denen sich der Betrachter eben begnügen müsse.

Ein „Sonderfall“ und zugleich das eklatanteste Beispiel für Herrndorfs „Alte Meister“-Zitate: der 1997 bei Haffmans erschienene „Klassiker Kohl-Kalender“ auf das Jahr 1998: zwölf Monatsbilder, die am Stil jeweils eines bedeutenden Altmeisters der westeuropäischen Kunstgeschichte Eigen- oder Machenschaften des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl festmachten. Über das satirische „Großgewitter“ über den „heiligen Helmut“ habe Kohl geschmunzelt. Er habe sogar eine größere Stückzahl des Kalenders ins Bundeskanzler-Amt verbringen lassen, um sie als Gastgeschenk an hohe Besucher auszugeben.

Bis zur Erschöpfung malte Wolfgang Herrndorf, wie man weiß. Er sei als Künstler Perfektionist gewesen. Jedoch: „Die eigenen Werke entsprachen seinen Erwartungen nur selten“, weiß Jens Kloppmann. Dabei beruft er sich auf Gespräche mit der streng auf das Herrndorf-Erbe schauenden Witwe Carola Wimmer.

Von 1987 bis 1992 studierte Herrndorf übrigens Malerei an der Kunstakademie Nürnberg, wo er seinen Abschluss als Meisterschüler machte. Über diese Zeit berichtet er in der ersten Erzählung des Bandes „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ (Eichborn-Verlag), für den er 2008 den Deutschen Erzählerpreis erhielt. Auf Karton malte er in Eitempera als „studiosus zu Nürnberg“ ein Votivbild. Entstanden ist eine echte Herrndorf-Parodie auf die Gelöbnistafeln an Wallfahrtsorten. Nur Gehässige nehmen sie anders als sie gemeint ist: witzig und mitsatirischen Anspielungen.

Foto (Hans Gärtner)
„S. Helmut“ mit „Szenen aus seinem Leben, um 1280“ – Gouache auf Papier in Ikonen-Art, Blatt aus dem „Klassiker Kohl-Kalender“, 1997

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