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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 13.07.16

Auf der falschen Seite des Rheins

von Axel Reitel

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Richard warf ihr einen zornigen Blick zu. Durch die richtige Kombination aller Erkenntnisse lasse sich die Wahrheit finden. Jeder finde nur seine eigene Wahrheit, entgegnete Hans. Die entwendete Handschrift, S.39

Ich bin sicher, dass der Streit stattgefunden hat, es gibt Zeugen. Ebenda, S. 91.

Professional Jealousy, bring down a nation. Van Morrison, Hymn to the silence


Unser Herz sei groß genug, um zwei Menschen darin zu lieben, entgegnet die Heldin des neuen Romans, Laura Merak, vor Jahren ihrem Ehemann Richard Merak, doch der hielt das für eine Lüge. Damit ist das große Thema in Gabrielle Alioths neuem Roman angeschlagen: die Lebenslüge, die sich am Ende als untilgbar erweist. Die Handlung selbst beginnt mit Lauras Ankunft im Konstanzer Inselhotel, in dem der von ihr getrenntlebende Ehemann am Tag zuvor an einem vermeintlichen Herzinfarkt verstarb. Er war für den Hauptvortrag am Kongress zum 600-jährigen Jubiläum des Konzils von Konstanz eingeladen worden. Seine Beerdigung bringt Laura, die seit fünf Jahren in Irland lebt, für sieben Tage, vom 16. April und bis zum 13. Mai 2015, in ihre Heimatstadt Basel zurück. Dieser Aufenthalt nötigt sie zur Auseinandersetzung mit ihrem früheren Leben als Meraks Ehefrau und dem selbstsüchtigen Basler Patriziat ab, dem Richard Merak abstammt. Sie stößt dabei mehr und mehr auf Widersprüche zwischen der Promotionsarbeit ihres Mannes und den völlig entgegengesetzten Erkenntnissen seines erfolglos bleibenden Rivalen, Hans Peterson, der einige Monate zuvor, nach einem heftigen Streit auf einer öffentlichen Tagung mit Richard Merak, im Rhein ertrunken ist. Kopfverletzung, 1,6 Promille. Meraks wie Petersons Forschungsschwerpunkt umfassen Leben und Werk eines byzantinischen Intellektuellen des 14. Jahrhunderts. Merak wird promoviert, Peterson veröffentlicht seine anderslautenden Erkenntnisse als Artikel und lässt die Promotion sausen. Doch Merak reagiert gereizt auf Petersons Veröffentlichung und versucht ihn beruflich abzuwürgen. Im Gegenzug stellt Peterson Merak als Lügner bloß. An diesem Konflikt entzündet Gabrielle Alioth eine großartig erzählte Eifersuchtsgeschichte zweier konkurrierender Wissenschaftler. Laura Merka dreißig Jahre die Arbeit ihres Mannes. (Sie hatten sich als Kommilitonen an der Universität Basel kennengelernt.) Sie kannte ihn besser als jeder andere Mensch, eingeschlossen dessen Familie, von der sie schlecht behandelt wurde. Die Gründe gehören zu den menschlichen Niederungen: ihre fehlende großbürgerliche Herkunft, zudem stammte Lauras Familie von der falschen Seite des Rheins. Die Auseinandersetzung mit derlei Dünkel und gesellschaftlicher Nicht-Akzeptanz geschieht geschickt am Rande, während Laura -auf der Suche nach den Gründen für die unterschiedlichen Einschätzungen - bald zu dem Schluss kommt, dass zwischen jener öffentlichen Auseinandersetzung und dem Tod der beiden Historiker eine Verbindung bestehen muss. Dass sich die Protagonistin dabei in einem Netz von Heimlichkeiten verfängt und selbst zur Verdächtigen wird, ist zu erwarten. Das Herzstück der Erzählung, die Aufdeckung einer gefälschten Handschrift des byzantinischen Intellektuellen, auf der die Doktorarbeit Richard Meraks im Wesentlichen aufbaut und die Grundlage seiner erfolgreichen wissenschaftliche Karriere bildet, die durch Hans Peterson aufzufliegen droht, erinnert an die an die Verstrickungen in den besten Romanen Umberto Eccos. Auch Richard Merak kommt nicht auf natürliche Weise ums Leben. Doch warum wollen es plötzlich gleich drei Mörder gewesen sein? Gabrielle Alioth erzählt eine bis zur letzten Seite spannend bleibende, noch nicht zuvor gekannte Geschichte, deren Verwicklungen - wie die Vergangenheit, laut Laura Merak - stets Funktionen der Gegenwart sind.

Gabrielle Alioth: Die entwendete Handschrift, Roman, Lenos Verlag 2016, 224 Seiten.

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