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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 30.09.16

Die große Entfremdung

von Hans-Martin Esser

Die Putzfrau, das fremde Wesen


Schaut man sich die Entwicklung der Sozialdemokratie an, fällt auf, dass wirkliche Arbeiter selten geworden sind in der Partei. Gern wird behauptet, dass die Agenda 2010 Schuld daran trage, dass die SPD auf die 20%-Marke, manchmal sogar darunter, rutsche.
Das ist aber nur ein oberflächliches Betrachten der Ursache. In Wirklichkeit war Gerhard Schröder der letzte Wahlgewinner der Partei. Er holte für die Partei zweimal in Folge die Stimmenmehrheit, keiner vor ihm und keiner nach ihm schaffte dies. Schröder erkannte, dass neben dem Malocher auch die Neue Mitte, also die Kinder der Arbeiter anzusprechen seien, die inzwischen eher im Dienstleistungsgewerbe und Büros arbeiteten, aber nicht unbedingt Akademiker sind.
Seine Nachfolger haben das nicht verinnerlicht. Auch wenn man sich bemüht, dauernd auf alte Traditionen hinzuweisen, die Internationale zu singen und den Geist alter Tage zu beschwören, hat man den Eindruck, die neue Garde wisse gar nicht, was ein Arbeiter ist, was ihn bewegt, wie er denkt und was er will.
Man denke an das Treffen (Gerechtigkeitskonvent oder ähnlich) im Frühjahr, das Sigmar Gabriel aus folkloristischen Gründen anberaumt hatte. Eine Talkshow erprobte Putzfrau aus dem Ruhrgebiet trat auf, und man konnte den Eindruck gewinnen, dass sie zur Belustigung des Auditoriums zu Gast war.
Wie im Zoo saß sie da, Gabriel versuchte sich im derben Deutsch, was Basisnähe simulieren sollte, aber für den, der es sah, wirkte es, als wollte er sie in Harald Schmidt´scher Weise veräppeln.
Das Auditorium wirkte belustigt, hatten fast alle wohl Soziologie, Jura oder Politikwissenschaft in Frankfurt studiert wie auch schon ihre Eltern. Eine einfache Arbeiterin wirkte exotisch, man merkte es ihren Reaktionen an. Außerdem hatte man ja schon allein deshalb etwas Gutes getan, dass man so einer das Mikrophon gab und zwar nicht zum Reinigen, sondern zum Äußern eigener Gedanken.


Nicht satisfaktionsfähig

Die bodenständige Putzfrau vom Gerechtigkeitskongress der SPD bekam noch Applaus, da sie das sagte, was auch Soziologiestudenten gern hören. Es geht ungerecht zu, man muss der CDU mal richtig Paroli bieten und die Löhne sowie Renten kräftig erhöhen, der Schluck aus der Pulle sozusagen.
Nicht so Guido Reil. Ein ebenfalls aus dem Ruhrgebiet stammender tief in der Sozialdemokratie verwurzelter Steiger hatte aufgrund der Zustände in seinem Essener Stadtteil die Nase voll, verließ die SPD, um direkt in die AfD zu gehen.
Flugs warf ihn die Arbeiterwohlfahrt aus ihren Reihen. Man mag Reils Talkshow-Auftritte bei Frank Plasberg und Markus Lanz als Werbung in eigener Sache sehen, weil nächstes Jahr Landtags- und Bundestagswahlen sein werden.
Vielleicht will Reil im Schnellverfahren auf sich aufmerksam machen und nutzt sein rhetorisches Talent, um einen lukrativen Platz als Bundespolitiker zu ergattern.
Aber aus den 2 Talkshows, an denen er teilnahm, lässt sich viel über das Verhältnis der vorderen Reihen der Sozialdemokraten zu ihrem Mittelbau bzw. ihrer Basis sagen.


Gesine Schwan

Zu Plasberg: Gesine Schwan saß neben Reil und repräsentierte genau den Flügel der Sozialdemokratie, der im Leben noch nicht mit der Arbeiterschaft in engem Kontakt war. Dass sie Lehrerkind ist, dafür kann sie nichts, aber für die Art, wie sie mit anders Denkenden umgeht.
Nichts gegen Politikwissenschaftler, selbst war es mein Nebenfach an der Universität, ein sehr spannendes Gebiet, das aber darunter leidet, dass es fast durchweg von politisch sehr weit linksstehenden Studenten angesteuert wird, so dass eine objektive Auseinandersetzung leidet, wenn auch deren Profs, die Definitionsmacht haben, derselben Meinung sind, die dann zu häufig als Wissenschaft verkauft wird.
Zweitens ist das Fach nicht so wissenschaftlich, wie es zu sein vorgibt. Immer wieder wird die Analogie vom Pudding, den man an die Wand zu nageln versucht, bemüht, um das für Sozialwissenschaftler typische Dilemma zu beschreiben.
Es ist dies also das ideale Betätigungsfeld, um Definitionsmacht zu gewinnen. Schwan ist im Grunde immer eher intellektueller Gesinnungsmensch geblieben, allerdings in der Verkleidung des Wissenschaftlers.
Zum Glück gilt nicht für alle Politikwissenschaftler der Leitsatz, dass – egal wie man Dinge deute – am Ende immer die Linke Recht behalten müsse. Allerdings ist es gerade Schwan, die auffällig häufig allein linken Positionen Berechtigung zumessen will, „wissenschaftlich fundiert“ natürlich, man sieht es an Forschungsschwerpunkten.
Es soll an dieser Stelle gar nicht zu detailliert ausgeführt sein, dass Schwan im Gegensatz zu Joachim Gauck nie eine in der breiten Öffentlichkeit auftretende Unterstützerschar hatte, die forderte, sie möge doch bitte nochmal antreten, um Bundespräsidentin zu werden. Da schätzt sie ihre eigene Popularität falsch ein. Sie verlor zweifach gegen den recht blassen Horst Köhler, ohne allzu viele Abweichler in der Bundesversammlung zu gewinnen.
Die Bundesversammlungen 2004 und 2009 waren die mit den schwächsten Kandidaten.
Was stört mich so an Gesine Schwan?
Sie steht für eine alte sozialdemokratische Tradition, den Arbeitern, also Leuten wie Guido Reil zu erzählen, was Sache ist und was nicht. Da bricht sich das unheilvolle Denken vom falschen Bewusstsein, das man bittschön überwinden möge, Bahn.


Geradezu angeekelt

Man konnte bei Plasberg den intellektuellen Sozialdemokraten anmerken, wie tief die Verachtung für einen Hauptschüler ist, der es wagt, so zu tun, als sei er satisfaktionsfähig und auf Augenhöhe mit den anderen Gästen, die zu den führenden Intellektuellen des Landes gehören, reden zu wollen.
Der Moderator musste eingreifen, als Reil die Silvestervorkommnisse anführte und Schwan sagte, dies sei ja gar nichts Neues, sondern längst häufiger passiert und bekannt.
Schwan, die sonst gern andere zu überführen versucht, mit entsprechendem professoralem Habitus, der der arbeitenden Bevölkerung alles andere als sympathisch vorkommen mag, wurde mit solch einem Satz selbst entlarvt.


Die 2. Runde

Das konnte ja nicht so stehen bleiben. Daher gab es eine 2. Runde, diesmal im ZDF, das glattbügeln musste, was die ARD versemmelt hatte. Ein Gesetz der Talkshows sei mal genannt: das Böse darf nicht gewinnen, jedenfalls nicht den Krieg, höchstens die Schlacht.
Das Panel in der Sendung Lanz war dann etwas anders zusammengesetzt: Renan Demirkan war gezielt vorbereitet worden, um Reil zuzusetzen. Lanz zeigte ihr, wie er sagte, Ausschnitte der Hart-aber-fair-Sendung. Demirkan machte aber mehr falsch, als man nur falsch machen kann, wobei Reil eigentlich genügend Angriffsfläche bot.
Was verwundert, ist, dass Reil seinerseits nicht auf Demirkan vorbereitet wurde, schließlich hätte sie als Zeugin der Kölner Silvesternacht auch Erhellendes zu sagen gehabt.
Sie, aus einer gebildeten türkischen Familie stammend, tief in der elitären SPD vernetzt, machte dem Steiger aus dem Pott klar, was für ein kleines Würstchen er doch sei. Sie habe ihn nie auf Parteitagen oder Konferenzen reden hören. Nicht allein das Gesagte, sondern auch ihr verachtender Gesichtsausdruck sprachen Bände.
Niemand in der höheren SPD kenne ihn, kein Minister und kein Ministerpräsident. Solch eine Argumentationslinie ist Gift, selbst wenn sie argumentativ Recht hätte, zeigt sie durch derlei Verhalten, dass sie nur Stimmen der crème de la crème der Sozialdemokratie ernst nehme und eben keine Putzfrauen und Steiger sowie Menschen aus dem Essener Norden.
Was folgte, war ein Nietzsche-Zitat von Demirkan, in der vollen Überzeugung, dass ein Arbeiter nicht mal wisse, wie man den Namen des Philosophen schreibe, geschweige denn, was es beinhalte.
Eine Lehrstunde sozusagen für den Arbeiter, aber wir sind ja in der Zeit, in der Politik nicht Interessen vertritt, sondern erklärt. So gesehen meint Demirkan wohl allen Ernstes, es richtig angegangen zu sein und genau das zeigt, wie wenig sie die Basis ihrer eigenen Partei kennt. Man kann vermuten, dass sie sie auch nie kennenlernte oder Interesse hieran habe.


Im Höchstmaße ungeschickt

Auch hier sei wie bei Gesine Schwan das Wort Habitus erwähnt. Demirkan agierte wie eine Aristokratin, die ihren dummen Dienstboten nur ordentlich demütigen muss, damit er beim nächsten Mal zuverlässiger ist oder pflichtschuldigst das Maul hält.
Sie mag sogar ins Schwarze getroffen haben, als sie sagte, dass er, der Hauptschüler, der nach 26 Jahren in der SPD nie nach ganz vorn kam, endlich die Gelegenheit ergriffen habe, um sich als bad guy zu präsentieren und Aufmerksamkeit zu erregen.
Das Argument von Reil, gerade weil er Hauptschüler sei, könne er in der SPD nichts werden, so dass man seine Vita fälschen müsse, um Kandidat zu werden, beantwortete sie mit keinem Wort.
Ein großer Fehler, das gar nicht zu würdigen, zumal Hauptschüler in der Tat kaum Chancen auf politische Karriere haben.
Es zeigt aber auch die erschreckende Selbstverständlichkeit der Attitüde, mit der sich die Toskana-Konstantin-Wecker-Fraktion von ihrer Klientel nicht nur verabschiedete.
Nein, die Sozialdemokraten, die seit den 1970er Jahren Karriere machten, empfinden eigentlich mehr Verachtung für die Arbeiter, als dies je ein Kapitalist täte.
Das Unverhohlene am Verhalten von Renan Demirkan und Gesine Schwan ist entlarvend.


Kein Einzelfall

Man hätte aber auch schon eher darauf kommen können. Wer sich je einen Kabarett-Abend mit Volker Pispers antat, ist um die Arbeiterverachtung in der SPD nicht herumgekommen.
Christian Wulff, der aus ärmlichen Verhältnissen mit kranker Mutter aufstieg, also einem Milieu, für das die SPD ja vorgeblich steht, wurde von Pispers als Parvenü vom Schloss Bellevue bezeichnet.
Die Schenkelklopfer der beamteten Lehrerkinder im Publikum waren nicht zu überhören.
Über Gerhard Schröder, der mit seiner Mutter, einer allein erziehenden Putzfrau, in einer Baracke in der ostwestfälischen Provinz einst wohnte, hat Pispers auch nur Spott übrig.
Wenn er über Schröders angebliche Vorliebe für verschachtelte Sätze sprach, was er recht originell als Schrödern bezeichnete, folgte stets der Hinweis: „Solche Kollateralschäden kann der 2. Bildungsweg anrichten.“.
Ja, der 2. Bildungsweg, eigentlich war es das Vorzeigeprojekt jedes ordentlichen Sozialdemokraten. Heute ist ganz offen und unverhohlen jeder nur dann ein vollwertiger Mensch in den Augen aktueller Sozis, wenn er Abitur und Master ohne den Umweg über die Zeche oder eine Lehre im Einzelhandel erlangt, für seinen Wein mindestens 10 Euro bezahlt und Bier nur trinkt, wenn man mit den Proleten von der Basis verkehren muss, bei irgendwelchen Folkloreveranstaltungen.


Dekadenz

Es ist dies der Ausdruck höchster Dekadenz. An dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Mit dem Personal von Akademikerkindern, die die einfachen Menschen im Grunde als nicht vollwertig ansehen, wird das nichts mehr mit der SPD.
Vielleicht hat sich die Partei ja auch an die 20% gewöhnt, hat gar keine weitergehenden Ziele mehr. Vielleicht hat man Michel Foucaults Theorie der Dekonstruktion auch falsch verstanden. Man dekonstruiert gerade die Sozialdemokratie.

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