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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 17.10.16

Ein Stein auf meinem Herzen

von Anna Zanco-Prestel

Nun dass auch Max Mannheimer im Alter von 96 Jahren die Bühne verlassen hat, auf der er seit Anfang der 80er Jahre als „Mahner und Versöhner“ – wie ihn Die Zeit in einer ersten Würdigung genannt hat – mit all seinen Energien agierte, wird uns mehr und mehr ins Bewusstsein gedrängt, dass die befürchtete „Zeit ohne Zeugen“ endgültig Realität geworden ist.

Mit seinem unermüdlichen Einsatz galt der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer als die Personifikation des „Zeitzeugen“ selbst. Man denke nur an seine langjährige Erinnerungsarbeit an Schulen, an seine Tätigkeit als Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, last but not least an sein Engagement zugunsten der Errichtung des NS-Dokumentationszentrums in München und - in letzter Zeit – der Umwandlung in Gedenkort des Badehauses vom ehemaligen DP-Lager Waldram-Föhrenwald.

Umso dringender erscheint es, die letzten noch lebenden Zeugen zu Worte kommen zu lassen, Zeugnisse zu bewahren, ihre Lebensgeschichte festzuhalten, wie es nun im Falle von Shlomo Birnbaum geschieht, den die begnadete Feder von Rafael Seligmann zu einer tief bewegenden Biografie verholfen hat.

Präsentiert wurde sie am 29.September im Burda-Saal der Israelitischen Kultusgemeinde vor einem zahlreich erschienenen Publikum aus Freunden, Bekannten und interessierten Besuchern. Auf dem Podium sieben Personen: Die beiden Autoren und der Moderator umkreist von Birnbaums Tochter und seinen drei Söhnen. Die Biografie des beinah 90jährigen Unternehmers zu schreiben, war für Rafael Seligmann, der zu den profiliertesten jüdischen Schriftstellern Deutschlands zählt, eine „Notwendigkeit“, ein Muss gewesen. Kein Wunder, dass der um 20 Jahre Jüngere zum „Familienchronisten„ auserkoren wurde. Für ihn, der noch als Jugendlicher mit der Familie aus Tel Aviv nach München gezogen war, ist Shlomo Birnbaum eine Art Vaterfigur. Er sieht sich in etwa wie sein fünftes Kind.

Ganz besonders betroffen gemacht, habe ihn sein problematisches Verhältnis zur Religion: „Er sagt authentisch,“ - so Seligmann- „dass er durch die Ereignisse seinen Glauben verloren hat“.

Wie Max Mannheimer war Birnbaum einer der Shoa-Überlebenden, die notgedrungen einen neuen Anfang im Land der Täter wagen mussten, weil sie kein anderes Land hätte aufnehmen wollen. 1927 im polnischen Tschestochau geboren, wurde er mit der Familie im örtlichen Ghetto eingesperrt, erlebte die Deportation der Mutter und seiner Geschwister und blieb als einziger zusammen mit seinem Vater am Leben. Nach seiner „Befreiung“ musste er in einer Rüstungsfabrik Sklavenarbeit leisten und war erneut einer bedrohlichen Hetze – diesmal aus polnischer Seite – ausgesetzt. Nach einem gescheiterten Versuch, nach Kanada auszuwandern, floh er mit seinem Vater schließlich nach München, wo er inzwischen seit 70 Jahren wohnt. „Vom Überleben des Holocaust und dem Weiterleben in Deutschland“ erzählt das Buch, das den aussagekräftigen Titel „Ein Stein auf meinem Herzen“ trägt. Der Stein ist der Schatten, der die Existenz vieler „Geretteten“ begleitet, die schmerzhafte, oft unerträgliche Erinnerung an Leiden, Verlust und Demütigung bis hin zum quälenden Schuldgefühl denjenigen gegenüber, deren Leben vom Schicksal nicht erspart wurde. Erinnerungen, die im Alter noch lebendiger werden und die Menschen selbst in ihren Träumen verfolgen. „Der Schmerz bleibt“ ist auch der Titel des ersten Kapitels, in dem auf die Umstände seiner Rettung eingegangen wird. Entscheidend für Birnbaums Überleben war sein Vater, der bei der Flucht stets seine rettende Hand auf seinem Kopf hielt und ihn ermutigte, weiter zu kämpfen. Er nennt ihn „Malach ha goel“, seinen „rettenden Engel“. Von dieser außergewöhnlichen Vater-Sohn-Beziehung ist in dem Lebensabriss oft die Rede.

Mit seinem offenen Bekenntnis will Birnbaum seine Erfahrung an die eigenen Kinder und Kindeskinder weitergeben. Er äußert den Wunsch, dass die „Tugende“ seines Vaters auf Enkel Arie (Hebräisch: Löwe) übergehen, der den gleichen Namen trägt: „Stärke, Mut, Tatkraft, Klugheit, vor allem Besonnenheit.“ Die Eigenschaften, denen er sein Da-Sein zu verdanken hat. Insbesondere verleiht er der Hoffnung Ausdruck, dass der Junge niemals als „Jude beschimpft, gedemütigt und verfolgt werde„ und fragt sich, ob „Deutschland dafür das richtige Land sei“ und auch ob es „überhaupt ein Land gäbe, in dem sich ein Jude sicher fühlen könne. Einschließlich Israel“. Worte, die als Warnung gelten, wachsam zu bleiben.

„Ein Stein auf einem Herzen“ ist ein tiefsinniges Buch, dass sich mühelos liest. Es ist vor allem ein menschliches Buch, geschrieben zu einer Zeit, in der Menschlichkeit und Empathie mehr denn je wieder gefragt sind, um angesichts der großen Herausforderungen der Zukunft standhaft und anständig bestehen zu können.

Shlomo Birnbaum & Rafael Seligmann
Ein Stein auf meinem Herzen
Vom Überleben des Holocaust und dem Weiterleben in Deutschland. 176 Seiten - 2016
Erschienen im Herder Verlag, € 19, 99 .
Ab sofort im Buchhandel erhältlich

Rafael Seligmann, 1947 in Tel Aviv geboren, lebt heute in Berlin. Unter seinen zahlreichen Publikationen der Essay „Mit beschränkter Hoffnung. Juden, Deutsche, Israelis“ - 1991. Für verschiedene Medien als Kommentator und Kolumnist tätig, ist er Herausgeber der Zeitung „Jewish Voice from Germany“, die sich als englischsprachige Brücke zwischen Deutschland und Juden in aller Welt versteht.

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