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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 25.10.16

Der Beste und der Schlechteste - Zwei Mal Heinz Kunze

von Hans-Martin Esser

Es scheint ein musikalisches Genie zu geben namens Heinz Kunze, der in der deutschsprachigen Popmusik seinesgleichen sucht. Ebenso gibt es einen untalentierten Sowi-Lehrer aus der Provinz mit Namen Rudolf Kunze, der schuhriegelt, besser weiß und vollkommen untalentiert ist. Die beiden sind beste Freunde und stehen regelmäßig zusammen auf der Bühne in Form einer Person.

Heinz Rudolf Kunze ist gleichzeitig Deutschlands bester Texter und der grobmotorischste Anklatscher, um nicht zu sagen Anpatscher. Die Anmoderationen seiner Lieder sind gleichzeitig originell, leichtfüßig und dennoch holperig abgelesen vorgetragen wie von einer Laienspieltruppe aus einer Mittelstufe-Theater-AG. Das macht ihm keiner nach, es scheint, als wenn er in Sekundenbruchteilen von einer in die andere Rolle schlüpft.

„Marlowe, ich fleh´ Sie an, Marlowe, finden Sie Mable – es koste, was es wolle, Geld spielt keine Rolle dabei“ ist die vielleicht beste Textpassage eines deutschen Popsongs und vorher bekommt man in einem Live-Konzert Zumutungen zu hören wie die eines vorgeblichen Hiphop-Liedes.

Der Oberlehrer Rudolf Kunze weist darauf hin, dass es sich um einen 13 Achtel-Takt handle. „Unrockbar“ sangen die Ärzte 2007, selten einen so schlechten Hiphop gehört. Besser trifft hier kein Wort zu. Er hält den Wu-Tang-Clan für aktuellen Hiphop, wobei der Witz auf Kosten von Bushido „bis vor Kurzem hielt ich Bushido für ein Urwald-Äffchen“ wieder ziemlich witzig ist.

Ach ja, Hiphop besteht meist aus 13-Achtel-Takten, wobei jede Textzeile „reim Dich oder ich schlag Dich“ aus exakt 13 Silben besteht. Silben zählen, ja, so haben Kanye West, Grandmaster Flash und Dr. Dre bestimmt auch getextet. Rudolf Kunze ist unrapbar. Reimen nach Zahlen und fertig ist die Butze. Dann wieder ein Lied wie „eigene Wege sind schwer zu beschreiten, sie entstehen ja erst beim Gehen“. Hier kommt Heinz, das Genie, zum Einsatz.

Überflüssig zu erwähnen, dass Rudolf nicht nur das Reimschema den anderen 900 Lehrern im Konzert erklärt, was dem Ganzen nicht nur den Zauber raubt, sondern auch so interessant ist wie Fingernägel schneiden. Manchmal weiß man nicht, ob Heinz oder Rudolf das Kommando übernommen hat. Ein Moralorgasmus vom Album „Deutschland“ jagt den anderen. Aus Versatzstücken wie „braune Soße“, „blond“, „Deutschland macht es einem nicht leicht“, „Abschaum“, „Pöbel“ sind wie von einem Sowi-Lehrer in der 5-Minuten-Pause aufs Löschpapier gerotzte Wortfetzen, aus denen jedes schlechte Kabarettprogramm besteht.

Demnach wäre Rudolf, der Lehrer, am Drücker gewesen – oder doch nicht? Spottet Heinz, das Genie, etwa über die vielen im Raum anwesenden Kollegen, führt ihnen vor, wie wesensähnlich vorurteilsbeladen sie sind, die sich immer über Pegida lustig machen. Eine Weltanschauungssekte in Funktionsjacken. Vielleicht hält Heinz den dummen Sowi-Lehrern nur den Spiegel vor, um vorzuführen, dass Spontis auch nur linke Pegidisten mit älterer Tradition sind, benötigen sie ihr Feindbild, pflegen es und können nicht anders, als immer wieder dem Gegenüber zu sagen, wie dumm und hässlich es ist. Man wird aus diesem Kunze - oder den beiden Kunzes - nicht so recht schlau. Hörenswert und manchmal unfreiwillig komisch sind sie jedenfalls immer.

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