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Erschienen in Ausgabe: No 39 (5/2009) Letzte Änderung: 15.05.09

"Wer die Wahrheit sucht" - Erinnerungskultur beleben

Grußwort der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Annette Schavan, MdB, anläßlich der Enthüllung des Denkmals zu Ehren von Edith Stein am 25. März 2009 in Berlin

von Annette Schavan

Mein erstes Wort ist ein Wort des Dankes an die Freiberger-Stiftung für diese großartige Idee, eine Straße der Erinnerung mitten in Berlin zu schaffen. Als Alois Glück mir davon erzählte, habe ich gleich gedacht: Das ist eine der Initiativen, die gemeint waren, als Bundespräsident Roman Herzog von der Aufgabe gesprochen hat, Erinnerungskultur in der Zeit nach den Zeugen zu gestalten. Ich freue mich sehr, heute dabei sein zu können, wenn das Denkmal für Edith Stein – geschaffen von Bert Gerresheim – hier enthüllt wird.
„Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“ Das ist das spirituelle Bekenntnis, das Edith Stein uns als Vermächtnis hinterlassen hat. Ihr Leben, ihr Sterben, ihr Tod sind Zeugnisse eines unbeirrten Glaubens, einer von innen geleiteten Suche nach der Wahrheit. Darin spricht Edith Stein bis heute die Sehnsucht vieler Menschen an. Darin drückt sich die Heiligkeit dieser Frau aus. Diese Skulptur, die Edith Stein zeigt, ist Zeichen zur Erinnerung, zum Nachdenken, zum Nachfragen: Wer war diese Frau? Eine Jüdin, eine katholische Ordensschwester, eine Intellektuelle, eine Heilige? Das Denkmal soll uns erinnern an sie, an ihr Werk und an ihren bis in den Tod hinein konsequent gelebten Glauben.
Bert Gerresheim, der die Skulptur von Edith Stein geschaffen hat, regt zur Auseinandersetzung mit dieser Frau an, mit ihren Texten, ihrer Philosophie, mit ihrem Glauben und ihrem Lebensweg. Diese Skulptur ist ein Denkmal, das auch Mahnmal ist. Edith Stein ist ein Opfer des Holocaust. Eingebrannt in unsere Erinnerung sind ihre Worte zu ihrer Schwester bei der Verhaftung: „Komm, wir gehen für unser Volk.“ Das Denkmal der Heiligen Edith Stein erinnert uns an den Versuch der Nationalsozialisten, ein ganzes Volk auszulöschen. Sie sind weit damit gekommen, den Deutschen das Gewissen auszutreiben. Die Shoa war der unvergleichliche Verstoß gegen die Zertrümmerung jedweder ethischer Prinzipien, die seit jeher weltweit alle Kulturen und Religionen verbinden. Der Versuch, alle Moral, jedes Gefühl für Gut und Böse abzuschaffen.
Erinnerung setzt die Vergangenheit in eine Beziehung zur Zukunft und Gegenwart. Denkmale wie die in der Straße der Erinnerung errichteten sind Wegweiser aus unserer Vergangenheit in die Zukunft. Wir erinnern uns aus Respekt vor den Opfern. Und wir erinnern uns der eigenen Geschichte, um Gegenwart und Zukunft verantwortungsvoll gestalten zu können. Wir nehmen unsere individuelle Geschichte und Biographie wahr, und gleiches gilt für die Wahrnehmung der nationalen Geschichte.
Die Verantwortung aus der Shoa ist Teil der deutschen Identität. Sie führt uns zu den Wurzeln unserer Republik. Im ersten Artikel des Grundgesetzes heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das ist die Antwort der Mütter und Väter des Grundgesetzes auf das Ende der Nazi-Barbarei. Dieser Artikel unserer Verfassung ist das Bekenntnis zu Humanität und Freiheit. Und vor dem ersten Artikel stehen die ersten Worte in der Präambel des Grundgesetzes, dessen 60-jähriges Bestehen wir in diesem Jahr feiern: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen.“ Das hat die Mütter und Väter des Grundgesetzes sehr geprägt. Sie waren überzeugt, dass es eine geistige Kraft gibt, eine spirituelle Kraft, die so stark gegenüber aller Versuchung staatlicher Hybris, gegenüber allem Totalitärem ist. Es ist eine Kategorie der Verantwortung, die da ins Wort gebracht wurde und die sagen sollte: Das ist nach unserer festen Überzeugung die geistige, die spirituelle Kraft, die ein Volk bewahrt vor aller Versuchung zum Totalitären, vor aller Hybris des Staates, so wie sie es erlebt hatten.
Wie gehen wir mit diesem Erbe heute um? Wie wollen wir heute miteinander leben in all unserer Verschiedenartigkeit und – wie Franz Kafka es formuliert hat – in aller Eigentümlichkeit? Wir müssen uns der Geschichte stellen, dürfen nicht Nachlassen im Ringen mit ihr. Viele junge Menschen stellen weiter Fragen. Sie wollen wissen: Was geschah? Warum wurde geschwiegen? Wer hat Nein gesagt?
Denkmale wie die von der Ernst Freiberger-Stiftung hier an der Spree errichteten sind Orte der Erinnerung, der Fragen, der Vergewisserung. Sie zeigen: Die Erinnerung an die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, das Gedenken an die Verfolgten und Ermordeten sind auch heute lebendig. Wer Aufzeichnungen von Überlebenden – von Hannah Arendt oder Victor Klemperer – liest und sich von ihnen anrühren lässt, schärft das eigene Gewissen.
Wer die Sonette Albrecht Haushofers liest, der nur wenige Meter von hier im Gefängnis Moabit inhaftiert war und an den die Freiberger-Stiftung ebenso mit einer Büste erinnert, der findet darin ein bewegendes Zeitdokument.
Die kritische Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus steht auf den Lehrplänen der Schulen in allen Bundesländern Deutschlands. Aber Untersuchungen zeigen immer wieder, dass es um das konkrete Geschichtswissen junger Menschen nicht zum Besten steht. Gerade was die Zeit der Nazi-Barbarei betrifft, ist dieser Befund immer wieder bedrückend. Warum ist das so? Woran fehlt es – an Zeit, an Materialien, an Kooperationsangeboten mit außerschulischen Geschichtsprojekten? Eine lebendige Erinnerungskultur ist nicht allein Aufgabe der Schule. Sie ist Aufgabe aller in unserer Gesellschaft, und Schule braucht Partner, um Schülerinnen und Schülern die Chance zu geben, zu begreifen, zu verstehen, immer wieder neue Fragen zu stellen, sich Texte und Biographien zu erschließen, eine Ahnung zu bekommen von dem, was damals geschah. Eine Ahnung zu bekommen von dem Leid der Opfer, vom Mut der Helfer und Widerständigen, von der Unmenschlichkeit der Täter.
Dazu sind Räume und Orte der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit notwendig. Wir wissen aus der Arbeit der Schulen, der Lehrerinnen und Lehrer, dass sie solche Orte – wenn wir nur an die vielen nach Berlin reisenden Schulklassen denken – dankbar annehmen. Begegnung mit solchen Orten, Begegnung mit Zeitzeugen, mit historischen Dokumenten, mit sprechenden Orten – das ist das, was über bestimmte Grundlagen, die im Unterricht gelegt werden können, hinaus zu einer Vorstellung führt von dem, was wirklich geschah. Opfer und Täter müssen Gesichter und Namen haben, dann bleibt Vergangenheit lebendig im Bewusstsein und in ihrer Prägung unserer Gegenwart.
Die Nationalsozialisten wollten eine Welt schaffen, in der es keine anderen mehr geben sollte. Keine Andersdenkenden und keine Andersglaubenden, keine Kranken und keine Schwachen. Auch heute werden Menschen nur deshalb verfolgt, weil sie anders sind. Nach Auschwitz gab und gibt es Versuche, ganze Völker zu vernichten. In Ruanda, in Darfour, in Bosnien.
Bald wird es keine Zeitzeugen der Zeit bis 1945 mehr geben. Roman Herzog hat darauf aufmerksam gemacht, als der 27. Januar als neuer Gedenktag von ihm ins Leben gerufen wurde. Die Nachgeborenen sind die Zeugen der Zeitzeugen von damals, und ihre Kinder werden sie danach fragen.
Geschichte lebendig halten heißt immer in besonderer Weise die Beschäftigung mit Biographien. Wir erinnern uns hier in Berlin und überall in Deutschland noch sehr gut an die unmittelbare Zeit nach der friedlichen Revolution von 1989, die die Wiedervereinigung ermöglichte, und daran, wie stark damals die Beschäftigung mit Biographien war. Es gab viele Begegnungen, in denen wir unsere biographischen Erfahrungen ausgetauscht haben. Das war die erste Weise der Begegnung von Menschen aus Ost und West.
Wir wissen, dass das Interesse junger Menschen an Geschichte in besonderer Weise durch persönliche Begegnungen mit Zeitzeugen und durch die Beschäftigung mit Biographien wächst. Es gibt viele hervorragende Erinnerungsprojekte in unserem Land, innerhalb und außerhalb von Schulen. Sie brauchen immer neue Nachahmer und Nachfolger. Opfer und Täter müssen Gesichter bekommen.
Das ist das, was in der Straße der Erinnerung möglich wird. Mitten in Berlin. Eine Ahnung zu bekommen, neue Grundlagen zu schaffen, ein Fundament zu schaffen für das, was an Gestaltung von Erinnerungskultur in der Zeit nach den Zeugen notwendig ist. Vergangenheit, die nicht zum Museum wird, in dem wir Gegenstände von außen durch eine Glasscheibe betrachten, sondern Vergangenheit als Teil dessen, was zum Gedächtnis eines Volkes gehört und was Bedeutung hat für Heute und Morgen, um besser zu verstehen, um besser gewappnet zu sein.
Die Lehren aus unserer Geschichte gehören zum Fundament unseres Selbstverständnisses. Bundespräsident Horst Köhler hat in seiner Rede zum diesjährigen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gesagt: „Wir Deutsche werden die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an die Opfer wach halten. Wir sehen einen Auftrag darin, in unserem Einsatz und in unserer Arbeit für die Freiheit, für die Menschenrechte, für die Gerechtigkeit.“ Das ist das Versprechen, an das wir uns gebunden fühlen. Wir wollen im Sinne Edith Steins die Wahrheit suchen.
Diese Skulptur in Erinnerung an Edith Stein ist ein guter Weg, dieses Versprechen einzulösen und sich immer tiefer mit ihrem spirituellen Bekenntnis zu beschäftigen: „Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“


Mit freundlicher Genehmigung von Annette Schavan

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